Unsere kleine Filmwelt

Die bunte Welt des unterschlagenen Films
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 Betreff des Beitrags: Borgman (2013)
BeitragVerfasst: 1. Feb 2015, 18:48 
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Borgman
(Borgman)
mit Jan Bijvoet, Hadewych Minis, Jeroen Perceval, Alex van Warmerdam, Tom Dewispelaere, Sara Hjort Ditlevsen, Elve Lijbaart, Dirkje van der Pijl, Pieter-Bas de Waard, Eva van de Wijdeven, Annet Malherbe, Gene Bervoets
Regie: Alex van Warmerdam
Drehbuch: Alex van Warmerdam
Kamera: Tom Erisman
Musik: Vincent van Warmerdam
FSK 16
Belgien / Dänemark / Niederlande / 2013

Auf der Flucht vor einer Gruppe brutaler Männer sucht der geheimnisvolle Landstreicher Borgman Unterschlupf bei der wohlhabenden Familie van Schendel. Vom Familienvater Richard zunächst verjagt, kehrt Borgman zurück und verzieht sich heimlich ins Gartenhaus des Anwesens. Richards Ehefrau Marina bietet dem Fremden unkompliziert Hilfe an und ein warmes Bad. Marina fühlt sich zunehmend von ihm angezogen und will nicht zulassen, dass er die Familie wieder verlässt. Kurz darauf verschwindet der Gärtner auf mysteriöse Weise, Borgman schleicht sich mit neuer Identität in die Mitte der Familie und nistet sich ein. Nun geraten auch die Kinder in seinen perfiden Bann, eine kaltblütige Manipulation beginnt.


Die Zerstörung der heilen Welt Fassade


Dieser Satz beschreibt wohl am besten, was der niederländische Regisseur Alex van Warmerdam dem Zuschauer mit seinem Film "Borgman" abliefert, wobei sich die Umsetzung des Ganzen sicherlich vollkommen anders gestaltet, als sich manch einer vorstellen mag. Die vorliegende Geschichte ist nämlich alles andere als der ansonsten handelsübliche Mainstream und auch die Abläufe gestalten sich keineswegs nach einem vorgefertigten Schema, sondern offenbaren in etlichen Passagen sogar viele surreal wirkende Elemente die das gesamte Szenario aber nur noch interessanter machen als es von Haus aus schon ist. Gleichzeitig wirft das Geschehen auch etliche Fragen auf, von denen am Ende längst nicht alle beantwortet werden, doch wenn man diesen Aspekt in unzähligen anderen filmischen Werken auch oft bemängelt, erscheint er in vorliegendem Fall doch gerade wie das Salz in der Suppe. Und so kann man sich dann auch von der ersten Minute an auf ein extrem außergewöhnliches Filmerlebnis einstellen das man in dieser Form nun wirklich nicht alle Tage präsentiert bekommt, wobei der Begriff außergewöhnlich an dieser Stelle noch einmal eine ganz andere Dimension annimmt. Das beginnt schon mit der Einführung als drei bewaffnete Männer (darunter auch ein Priester) sich in den Wald begeben, um dort die unterirdische Behausung der Hauptfigur zu zerstören und Jagd auf den Obdachlosen zu machen. Eine Erklärung dafür wird bis zum Ende nicht geliefert, allerdings ist die Zerstörung der Behausung nahezu symbolisch für die Ereignisse die sich danach abspielen. Das merkt man insbesondere in einer der letzten Einstellungen der Geschichte, als einem noch einmal ein letzter Blick auf das einst wunderschöne Anwesen gegönnt wird, auf dem sich im Prinzip die gesamte Erzählung abspielt.

Dort wird dem Betrachter nämlich sinnbildlich die Zerstörung einer vormals heilen Welt vor Augen geführt und im Prinzip ist "Borgman" auch nichts anderes, als eine bitter-böse Karikatur einer scheinbaren Bilderbuch-Familie, die ein augenscheinlich tolles Leben in Reichtum und Wohlstand führt und dabei in einem luxuriösen Anwesen zu Hause ist. Das der Schein jedoch sehr trügerisch ist wird schon nach einer relativ kurzen Zeitspanne klar, wobei das Auftauchen des Obdachlosen "Borgman" der Auslöser für eine Aneinanderreihung teils äußerst skurriler Ereignisse ist, die man eigentlich kaum in Worte fassen kann. Selten hat man eine dermaßen faszinierende und charismatische Hauptfigur zu sehen bekommen und Darsteller Jan Bijvoet verleiht dem von ihm dargestellten Charakter eine undurchsichtige Präsenz die sehr schwer zu durchschauen ist. "Borgman" ist vielschichtig, teilweise böse, kaum zu durchschauen, manipulativ, aber bei all diesen Eigenschaften auch auf eine kaum zu erklärende Art extrem sympathisch. Seine dabei schon fast stoische Mimik vermittelt dem Betrachter dabei oft genug den Eindruck, als wenn der gute Mann eher anteillos die Folgen beobachtet die durch sein Handeln ausgelöst werden. So schwer einzuschätzen wie er selbst sind auch die ominösen Helfer Borgmann's, die im Laufe der Zeit wie aus dem Nichts auf der Bildfläche auftreten. Alex van Warmerdam hat sich wirklich alle Mühe gegeben einen Teil der Protagonisten eher schwammig zu skizzieren und so einen großen Teil der Abläufe der Interpretation des Zuschauers zu überlassen. Dieser Punkt wird vielleicht nicht jedem gefallen, doch meiner persönlichen Meinung nach erscheint das Gesamtbild gerade dadurch nahezu genial und offeriert einen derart brillanten Filmgenuss, wie man ihn eher selten geboten bekommt. Dennoch wird diese Geschichte ganz sicher polarisieren, denn nicht ein jeder wird etwas mit der außergewöhnlichen Erzählstruktur anfangen können mit der van Warmedam hier die Meinungen spalten wird. Übrigens ist der gute Mann bei diesem Film nicht nur als Regisseur tätig, denn gleichzeitig zeichnet er auch noch für das Drehbuch verantwortlich und ist so ganz nebenbei auch noch als einer der Darsteller mit von der Partie.

So vielseitig wie der Macher eröffnet sich dann auch das Szenario, das man ganz unmöglich in eine bestimmte Schublade stecken kann, denn "Borgman" ist unmöglich einem bestimmten Genre zuzuordnen. Vielmehr vermischen sich die Elemente eines klassischen Dramas mit den Ansätzen eines Thrillers und als wenn das noch nicht genug wäre, wurden auch noch unzählige Elemente einer rabenschwarzen Komödie beigemengt. In der Summe ist dabei ein Gesamtwerk entstanden das man selbst gesehen haben muss, um die vorhandene Genialität des Ganzen auch erkennen zu können. So undurchsichtig, phasenweise auch sinnlos und surreal sich die Ereignisse für manch einen darstellen mögen, so herausragend kristallisiert sich doch letztendlich die eigentliche Prämisse eines Filmes heraus, der im Prinzip lediglich auf eine krasse Art und Weise mit der Fassade einer Gesellschaft abrechnet, die sich auch in der Realität nur allzu gern gewisse Dinge vorgaukelt. Gleichzeitig wird manch einem vielleicht auch der Spiegel vor das eigene Gesicht gehalten, denn manche Passagen wird man sicherlich auch auf sein eigenes Leben projizieren können. Durch den Einfluss unzähliger sarkastischer Spitzen und jeder Menge Zynismus bekommt das hier dargestellte Inszenierung aber auch eine herrlich überspitzte Note, denn um die scheinbar heile Welt der Familie Schendel aus den Fugen zu kippen, müssen Borgman und seine Gehilfen auch so manches Leben auslöschen, um sich der Leichen danach auf eine höchst kreative Art und Weise zu entledigen. Das manipulative Element spielt in diesem Film auch eine extrem wichtige Rolle, wobei es von den ausführenden Personen clever eingeführt wird, das die Betroffenen überhaupt nicht merken was mit ihnen passiert.

Der Ausbruch unterdrückter Emotionen ist die Folge und es gibt so einige Momente, in denen Verzweiflung, Unzufriedenheit und pure Wut zu einer gewaltigen Entladung gelangen. Doch selbst in diesen Momenten verzichtet man auf keinen Fall auf eine schwarzhumorige Note, wobei man als Zuschauer manchmal schon fast den Tränen nahe ist. Trotzdem verliert man zu keiner Zeit die manchmal schon traurige Ernsthaftigkeit der Story aus den Augen, die ganz besonders zum Ende hin noch einmal auf den Plan tritt. Es handelt sich ganz einfach um eine absolut fantastische Kombination mehrerer Genres, die "Borgman" nicht nur zu einem absolut außergewöhnlichen Film macht sondern zu einem wahrlich berauschenden Erlebnis. Diese Meinung wird nicht jeder teilen und der typische Mainstreamer sollte besser gleich die Finger von diesem Werk lassen. Allen anderen sei der Film jedoch wärmstens empfohlen und wer ihn dennoch verpasst wird eben nie erfahren, welch einzigartiges Filmvergnügen ihm durch die Lappen gegangen ist.


Fazit:


Ich kann mich im Moment nicht daran erinnern, das mich in den letzten Jahren ein anderer Film dermaßen mitgerissen hat wie "Borgman", denn diese Produktion sollte man ohne wenn und aber mit dem Prädikat: Besonders wertvoll auszeichnen. Ein charismatischer und faszinierender Haupt-Charakter, eine teilweise surreale Geschichte, jede Menge Humor und unverhohlener Zynismus zeichnen diese Geschichte aus, die dem Zuschauer zudem äußerst nachhaltig im Gedächtnis haften bleiben wird. Hauptdarsteller Jan Bijvoet steht hier geradezu als Synonym für das subversive Element, das auch die stabilste Fassade zum Einsturz bringt.


10/10


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