Unsere kleine Filmwelt

Die bunte Welt des unterschlagenen Films
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 Betreff des Beitrags: Clean, Shaven (1993)
BeitragVerfasst: 27. Jan 2013, 17:47 
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Clean, Shaven
(Clean, Shaven)
mit Peter Greene, Alice Levitt, Megan Owen, Jennifer MacDonald, Molly Castelloe, Jill Chamberlain, Agathe Leclerc, Robert Albert, Roget Joly, Rene Beaudin, J. Dixon Byrne, Eliot Rocket, Angela Vibert, Karen MacDonald, Lee Kayman
Regie: Lodge Kerrigan
Drehbuch: Lodge Kerrigan
Kamera: Teodoro Maniaci
Musik: Hahn Rowe
FSK 16
USA / 1993

Ein Mann steigt in ein Auto, nachdem er die Tür aufgebrochen hat. Dann holt er seinen Zündschlüssel aus der Hosentasche und fährt weg. Er versucht, das Radio einzustellen. Rauschen, verzerrte Stimmen, undeutliche Musik... Stromleitungen surren. Er schlägt die Scheibe seines Autos ein, verklebt das Fenster mit Zeitungspapier, den Rückspiegel mit Klebeband... In einem Restaurant unerträglicher Lärm von überall. Ein vermisstes Kind auf einer Milchtüte. Er kippt sich Zucker in den Kaffee... und endlich: alles ist totenstill. Seine Tochter. Er will sie wiedersehen... Währenddessen untersucht ein Detective den hiesigen Mord an einem kleinen Mädchen.


Mit diesem Regie-Debut von Lodge Kerrigan aus dem Jahre 1993 hat das Independent-Label Bildstörung einem sehr aussergewöhnlichem Film eine würdige DVD-Veröffentlichung spendiert. Vollkommen abseits von jeglichem Mainstream gewährt der Film dem Zuschauer einen eindrucksvollen Einblick in das Leben eines kranken und verwirrten Mannes, der unbedingt seine leibliche Tochter wiedersehen will, die nach dem Tod seiner Frau zur Adoption freigegeben wurde. Obwohl das spätere Wiedersehen der beiden äusserst eindrucksvoll in Szene gesetzt wurde, legt "Clean, Shaven" sein Hauptaugenmerk auf den Geisteszustand des Mannes, wofür allein schon stellvertretend die ersten 10 Minuten der Geschichte einen extrem prägenden Eindruck hinterlassen. Offenbart doch diese Einführungsphase in das Geschehen keinerlei Dialoge, sondern präsentiert dem Zuschauer ausschließlich eine absolut verwirrende Geräuschkulisse, die lediglich von einigen abgehackten und ebenso verwirrenden Radiodurchsagen begleitet wird. Dadurch ist dann auch die eindeutige Richtung dieses beeindruckenden Dramas vorgegeben, denn diese verwirrenden Geräusche und Radiomeldungen führen einen direkt in den Kopf des Haupt-Charakters Peter Winter (Peter Greene) und sind der Ausdruck des Geisteszustandes eines Menschen, der eben diesen Geist nicht unter Kontrolle hat und ständig von der auf ihn einwirkenden Geräuschkulisse gequält wird. Dabei ist es für den Zuschauer auch vollkommen irrelevant, aus welcher Sichtweise man dieses Werk betrachten will, sieht man es doch ganz automatisch aus der Sicht von Peter Winter, da man mit einer unglaublichen Sogwirkung förmlich in den kranken Geist des Mannes hineingezogen wird und keine Chance hat, das nicht zuzulassen.

So kann man dann auch die Qualen des Mannes fast schon körperlich nachvollziehen und verspürt dabei einen enormen Druck, der sich wie ein bleierner Mantel über die eigenen Schultern legt und einen erdrücken will. Das dieser Aspekt zudem auch ein äusserst verstörendes Gefühl mit sich bringt, versteht sich dabei schon fast von selbst und die sich freisetzende Intensität des Geschehens tut dabei ihr Übriges, um für ein sehr aussergewöhnliches Filmerlebnis zu sorgen, das einen mehr als nachdrücklichen Eindruck im Gedächtnis des Betrachters hinterlässt und das man nicht so schnell wieder aus der Kleidung schütteln kann. Dies ist insbesondere auch dem brillanten Schauspiel von Peter Greene zu verdanken, der den kranken und geistig verwirrten Mann mit einer erschreckenden Glaubwürdigkeit darstellt, die einem schon so manchen kalten Schauer über den Rücken jagen kann. Wenn man es nicht besser wüsste, dann würde man nie auf die Idee kommen, das ein Schauspieler lediglich eine Rolle spielt, viel zu realistisch und authentisch verkörpert er den von ihm gespielten Charakter und drückt den Ereignissen damit ganz unweigerlich seinen ganz persönlichen Stempel auf. Gerade darin ist es dann auch begründet, das man sich so enorm stark mit dieser Figur identifizieren kann und phasenweise sogar mit ihr verschmelzt.

Die Ausmaße der Geisteskrankheit äussern sich allerdings nicht nur durch die Geräuschwahrnehmung des Mannes, versucht er doch auch durch eine ziemlich abstruse Art der Körperhygiene, diesen so sauber wie möglich zu halten. Dabei werdem dem Zuschauer nun einige Passagen geboten, die für manch einen nicht gerade leicht anzuschauen sein dürften. So schrubbt Peter seinen Körper beim duschen beispielsweise mit Stahlwolle ab, puhlt mit einer Schere in seiner Kopfhaut herum oder entfernt sich mit einem Taschenmesser einen Fingernagel, ohne dabei auch nur den Ansatz einer Gefühlsregung zu zeigen. Bei der Ansicht dieser Szenen fühlt man sich sichtlich unwohl in der eigenen Haut und kann dabei fast selbst körperliche Schmerzen verspüren. Doch nicht nur diese Einstellungen treffen einen mit der ungeheuren Wucht eines Keulenschlags mitten in die Innereien, der gesamte Film ist ein einziger Tiefschlag in die Magengrube. Es ist nicht gerade leicht, die während der Geschichte aufkommenden Emotionen in Worte zu fassen, man muss dieses Werk einfach selbst gesehen haben, um das Wechselbad der Gefühle nachvollziehen zu können, das dieses Werk ganzzeitig in einem auslöst. Wut, Mitleid und sogar Trauer wechseln sich hier ständig ab, wobei sich die beiden letztgenannten Emotionen hauptsächlich auf die Hauptfigur beziehen. Die Wut nährt sich indessen vielmehr aus der Erkenntnis, das geisteskranke Menschen in der Gesellschaft immer mit einem Makel behaftet sind und im Endeffekt keinerlei Chance zum Überleben haben. In gewisser Art und Weise sind sie allein durch die Krankheit für die Gesellschaft gestorben, wobei es vollkommen egal ist, ob sie nett und freundlich sind, oder sich in mordende Bestien verwandeln.

Und so nimmt das Drama auch in vorliegender Geschichte seinen Lauf und gewiss kein gutes Ende für Peter Winter. Denn ein in einer Mordserie an kleinen Mädchen ermittelnder Detective kommt auf seine Spur und stellt ihn am Ende des Filmes in einem unvermeidlichen Showdown, als Peter mit seiner kleinen Tochter am Strand ist. Wie dieser Showdown endet kann man sich nun ohne viel Fantasie ausmalen, denn letztendlich kann es aufgrund der gesamten Story nur zu einem einzigen und äusserst tragischen Ende kommen, das aber immer noch nicht der finale Höhepunkt eines fantastischen Filmes ist, denn dieser liegt ganz eindeutig in der allerletzten Szene des Filmes. in der Peters Tochter versucht, ihren Vater über das Radio zu kontaktieren, da dieser ihr vorher erzählt hat, das man ihm im Krankenhaus eine Art Radiosender in den Kopf eingepflanzt hat. Diese einzelne Szene drückt die ganze Tragik einer Geschichte aus, die einem mit einer Intensität und Wucht unter die Haut fährt, das man danach erst einmal eine gewisse Zeitspanne benötigt, um das gerade Gesehene erst einmal richtig sacken zu lassen, bevor man wieder zur normalen Tagesordnung übergehen kann. "Clean, Shaven" ist ein kleiner, aber extrem wuchtiger Independent-Film, der ganz sicher nicht unbedingt für das breite Mainstream-Publikum geeignet ist, aber Freunde extrem aussergewöhnlicher Dramen nahezu begeistern dürfte. Die einerseits eher ruhige, aber gleichzeitig auch sehr verstörende Erzählweise der Geschichte und vor allem das brillante Schauspiel von Peter Greene sind die absolut herausragenden Höhepunkte in einem Film, der aber auch ansonsten auf der ganzen Linie zu überzeugen weiss.


Fazit:


Und wieder einmal ist es dem Label Bildstörung gelungen, seinen Veröffentlichungen von sehr aussergewöhnlichen Filmen eine weitere Perle hinzuzufügen. "Clean, Shaven" ist das beeindruckende Portrait eines geistig verwirrten Mannes, der von einem glänzenden Peter Greene authentisch und extrem glaubwürdig dargestellt wird. Die Betrachtungsweise des Filmes aus der vorgegebenen Sicht eines Geisteskranken erzielt dabei eine äusserst verstörende Wirkung beim Zuschauer, löst aber gleichzeitig eine unglaubliche Faszination der Ereignisse aus, der man sich ganz einfach nicht entziehen kann. Wer ein wirklich nicht alltägliches Drama zu schätzen weiss, sollte sich dieses eindrucksvolle Werk auf keinen Fall entgehen lassen.


Die DVD:

Vertrieb: Bildstörung
Sprache / Ton: Englisch DD 2.0 Stereo
Untertitel: Deutsch
Bild: 1,66:1 (16:9)
Laufzeit: 75 Minuten
Extras: Audiokommentar mit Regisseur und Produzent, Booklet mit Texten von Michael Schleeh und US-Filmkritiker Michael Atkinson


8,5/10

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 Betreff des Beitrags: Re: Clean, Shaven (1993)
BeitragVerfasst: 18. Okt 2013, 13:58 
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Ich dachte ja anfangs erst,das ich es hiermit mit einem kontroversen Drama zu tun bekommen werde.Aber weit gefehlt.Kontrovers ist er schon,nur das er eher in die Richtung Experimentalfilm geht.Der Grund für mich ist einfach erzählt:Es ist die Erzählweise,was das Experimentelle ausmacht.Die darstellerische Leistung der Hauptperson ist sauber gespielt.Atmosphärisch ist der Streifen echt wirr,teils fragt man sich dann doch schon mal:hö,was geht denn jetzt bitteschön ab.Leider ist das Bild der BD nicht so der Bringer,der Ton liegt auch nur in englischen mono vor.

Ich gebe dem Film: 6/10 Punkte.

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Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kommen die Toten auf die Erde zurrück


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