Unsere kleine Filmwelt

Die bunte Welt des unterschlagenen Films
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 Betreff des Beitrags: Kriegerin (2011)
BeitragVerfasst: 18. Dez 2012, 12:44 
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Kriegerin
(Kriegerin)
mit Alina Levshin, Jella Haase, Sayed Ahmad, Gerdy Zint, Lukas Steltner, Uwe Preuss, Winnie Böwe, Rosa Enskat, Heymon Maria Buttinger, Klaus Manchen, Andreas Leupold, Najebullah Ahmadi, Anne Laszus
Regie: David Wnendt
Drehbuch: David Wnendt
Kamera: Jonas Schmager
Musik: Johannes Repka
FSK 12
Deutschland / 2011

Marisa ist Anfang 20, Neonazi und schlägt zu, wenn ihr jemand dumm kommt. Sie lebt in einer ostdeutschen Kleinstadt, hasst Ausländer, Politiker, den Kapitalismus, die Polizei und alle anderen, denen sie die Schuld dafür gibt, dass ihr Freund Sandro im Knast landet und ihre Welt aus den Fugen gerät. Der Sommer hält noch mehr Ärger für sie parat: Die 15-jährige Svenja drängt in Marisas Clique, macht ihr den Platz streitig, und der afghanische Flüchtling Rasul sucht sich ausgerechnet ihren Badesee zum Schwimmen aus.


Mit etlichen Preisen ausgezeichnet weckt "Kriegerin" schon im Vorfeld gewisse Begehrlichkeiten beim Zuschauer, behandelt der Film doch zugleich auch eine sehr sensible Thematik, die leider Gottes immer wieder aktuell ist. Bei der filmischen Umsetzung des Themas ist dabei ganz sicher ein besonderes Fingerspitzengefühl des Regisseurs gefragt, besteht doch immer die Gefahr, das man entweder zu lasch oder aber zu aggressiv die rechtsradikale Szene darstellt, die auch in vorliegender Geschichte ein äußerst wichtiger Bestandteil ist. Nun gibt es nicht wenige Leute die Regisseur David Wnendt hier den Vorwurf machen das gerade dieser Aspekt viel zu selten in den Vordergrund gerückt wird und man kaum einen wirklichen Einblick in eine Gruppierung erhält, die vom rechten Gedankengut verseucht ist und viele Dinge eher nur oberflächlich angekratzt werden. Auf den ersten Blick mag dieser Eindruck eventuell auch wirklich entstehen, doch betrachtet man diesen herausragenden Film einmal etwas genauer dann müsste man eigentlich feststellen, das die Geschichte viel tiefer geht, als es einem der erste Eindruck vermittelt. Wnendt ist es nämlich ganz ausgezeichnet gelungen, den Focus seiner Geschichte auf 2 Figuren zu richten (Marisa & Svenja), deren vollkommen unterschiedliche Leben im Vordergrund stehen und dabei den Großteil eines Szenarios einnehmen, das trotzdem zu keiner Zeit den rechtsradikalen Hintergrund aus den Augen lässt. Sicherlich werden etliche Dinge lediglich thematisch angerissen, doch gerade dadurch kann dieser Film meiner Meinung nach seine volle Intensität entfalten, die den Zuschauer mit der Wucht eines Keulenschlages genau in die Eingeweide trifft.

Gleich zu Beginn wird man beispielsweise mit der gnadenlosen Brutalität und dem extremen Frendenhass der Neo-Nazis konfrontiert, die Ausländer in einer Straßenbahn ohne Rücksicht auf Verluste auf das Übelste malträtieren. Zugegebenermaßen handelt es sich hier um eine der wenigen Passagen in der es zu expliziten Gewaltdarstellungen kommt, doch "Kriegerin ist auch vielmehr darauf ausgerichtet, einen mit psychischer Gewalt zu konfrontieren. Und gerade diese tritt mit einer ungeheuren Wucht zu Tage und entsteht vor allem dadurch, das David Wnendt den rechtsradikalen Hintergrund und die Aktionen der Gruppierung nur oberflächlich anschneidet. Dadurch spielt sich viel im Kopf des Betrachters ab und es bleiben einem etliche Möglichkeiten, sich die verschidendsten Szenarien vorzustellen. Meiner persönlichen Meinung nach erscheint das gesamte Geschehen so um ein Vielfaches intensiver, als wenn man eine weitaus drastischere Sichtweise gewählt hätte. Durch diese Darstellung der Ereignisse bleibt so genügend Freiraum die beiden Hauptfiguren exzellent darzustellen, wobei insbesondere Alina Levshin in der Rolle der Marisa eine sensationelle Performance an den Tag legt. Ihr Hass gegen Ausländer ist sehr offensichtlich, jedoch bekommt man zunächst keine Erklärung dafür geliefert, wodurch dieser eigentlich entstanden ist. Das Aufeinandertreffen mit dem jungen Asylbewerber Rasul wird zu einer schicksalhaften Begegnung und soll ihr Leben auf eine sehr dramatische Art und Weise beeinflussen. Ihr Weltbild gerät aus den Fugen und es findet ein Umdenken statt, das sehr emotional und fast schon ergreifend in Szene gesetzt wurde.

Auf der anderen Seite haben wir die gerade einmal 15-Jährige Svenja, die sichtlich unter den gewöhnungsbedürftigen Erziehungsmethoden ihres Stiefvaters leidet. Ihr spießbürgerliches Umfeld erscheint für das junge Mädchen wie eine Zwangsjacke, die sie unbedingt loswerden will. Während sich nun Marisa gedanklich immer mehr aus der rechten Szene löst, driftet Svenja immer tiefer in die Gruppierung der Neo-Nazis ab und insbesondere dieser Kontrast ist es, der diesem Film eine unglaubliche Stärke verleiht. Nun gibt es nicht wenige Leute die behaupten, das die Präsenz der beiden Hauptfiguren dafür verantwortlich ist, das sich die anderen Charaktere der Geschichte nicht richtig entfalten können, was ich selbst jedoch vollkommen anders sehe. Natürlich verhindert die durchgehende Omnipräsenz der beiden Mädchen eine tiefer gehende Beleuchtung der anderen Figuren, doch ist dies in meinen Augen vollkommen bewusst so gestaltet worden. Einzelne und kleine Szenen reichen vollkommen aus, um dem Zuschauer die einzelnen Figuren näher zu bringen. Manche Bildschnipsel sind dabei weitaus aussagekräftiger, als wenn man jede Figur eingehend beleuchtet hätte. Als eines von etlichen Beispielen soll hier stellvertretend der Großvater von Marisa stehen, der zwar eher selten im Bild zu sehen ist, aber durch eine einzige Szene zum Ende des Filmes eine Aussage trifft die dem Zuschauer vor Augen führt, warum das junge Mädchen überhaupt zu dem rechten Gedankengut gekommen ist. Man könnte jetzt noch etliche weitere Beispiele anfügen, doch sollte man sich diesen Film ganz einfach selbst ansehen, um meine Sichtweise der Dinge eventuell besser zu verstehen.

Wnendt ist es ganz einfach sensationell gelungen, seiner Geschichte durch einzelne Dialoge und kleine Sequenzen eine ungeheure Aussagekraft zu verleihen, die einen äußerst nachhaltigen Eindruck im Gedächtnis hinterlässt. Und so werden meiner Meinung nach die von anderen erwähnten Schwächen zu der absoluten Stärke eines Werkes, das ich durchaus als kleines Meisterwerk bezeichnen möchte. Der herausragende Gesamteindruck wird auch noch durch den Aspekt untermauert, das die Geschichte auch trotz aller Härte immer noch genügend Freiraum für schöne Momente lässt. Stellvertretend dafür steht ganz sicher eine Szene am Schluss, als Marisa ihren Blick auf das offene Meer richtet. Wenn man in diesem Moment nur einmal ihre Augen und den gesamten Gesichtsausdruck beobachtet, dann sieht man eine verträumte junge Frau, die im Prinzip charakterlich vollkommen anders gestrickt ist, als einem die vorangegangenen gut 100 Minuten suggeriert haben. Der Schluss-Akkord von "Kriegerin" ist dann sowieso der absolute Höhepunkt eines Werkes, das ganz generell ziemlich stark unter die Haut geht. Doch der am Ende gewählte Kontrast zwischen Schönheit und Brutalität ist dermaßen aufwühlend, das einem schon die Tränen in die Augen treten können. Diese Auffassung wird bestimmt nicht von jedem geteilt, doch mich hat diese deutsche Produktion regelrecht begeistert. Selten hat mich in den letzten Jahren ein Film dermaßen aufgewühlt und die unterschiedlichsten Emotionen in mir hervorgerufen, denn zwischen Wut, totalem Unverständnis und emotional sehr berührenden Passagen wird alles geboten, was man sich nur denken kann.

Letztendlich handelt es sich einmal mehr um einen Film, der die Meinungen sicherlich in zwei Lager spalten wird. Manch einer wird Schwächen erkennen, die aber eigentlich als absolute Stärken angesehen werden sollten. Auf den ersten Blick mag "Kriegerin" eine eher oberflächlich beleuchtete Geschichte über die Neo-Nazi Szene sein, doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich ein Geschehen, das man kaum besser hätte in Szene setzen können. Zudem kann man sich über grandioses Schauspiel sämtlicher Akteure freuen, denn bis in die kleinsten Nebenrollen ist dieses Werk perfekt besetzt. Dennoch muss man die Performance von Alina Levshin ganz besonders hervorheben, denn die Darstellung der Marisa hat den Preis als beste weibliche Hauptrolle auch redlich verdient.


Fazit:


Endlich einmal wieder ein deutscher Film der wirklich zu begeistern weiß. Wird man ansonsten eher mit diversen Pseudo-Komödien zugemüllt, so ist mit David Wnendt's Werk ein absolut ambitionierter und in allen Belangen gelungener Beitrag erschienen, den man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte. Wuchtig, kräftig und extrem emotional präsentiert sich eine Story, die dem Zuschauer merklich unter die Haut geht und auch ihre Spuren hinterlässt.


Die DVD:

Vertrieb: Ascot Elite
Sprache / Ton: Deutsch DTS 5.1, DD 5.1
Untertitel: Deutsch
Bild: 1:2,35 (16:9)
Laufzeit: 102 Minuten
Extras: Making Of, Interviews, Behind the Scenes, Unterrichtsmaterial, Trailer, Trailershow


10/10

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 Betreff des Beitrags: Re: Kriegerin
BeitragVerfasst: 1. Apr 2013, 15:31 
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Beiträge: 416
Geschlecht: weiblich
Die "Kriegerin" ist sicherlich eines: schwere Kost, ein Anstoss zum Nachdenken.

Etwas skeptisch an diese Deutsche Produktion herangegangen und eines besseren belehrt worden, es gibt sie also
doch, feinfühligen Regisseure die eine schwierige Thematik, vernünftige Dialoge, gelungene Bilder(-sprache) und
glaubwürdige Darsteller miteinander verbinden können.

Die einzelnen Charaktere werden glaubhaft dargestellt, allen voran natürlich die beiden Hauptprotagonisten Marissa und Svenja, über beide
erfährt man erst mit Fortschreiten des Filmes, wieso sie jeweils in diese Welt des Rechtsradikalismus hineingeraten sind. Diese Welt ist zwar
zu jeder Zeit present, trotzdem bleibt die Erzählweise ausgewogen. Die Laufzeit hätte gern noch etwas länger sein können,
um mehr Zeit zu haben, in die Gedanken- und Gefühlswelt einzutauchen.

Im Endeffekt könnte man sogar soweit gehen, und theoretisch jede radikale Gruppierung oder sogar Sekte einhernehmen; die Frage die bleibt, ist dieselbe: wieso schliessen sich Menschen immerwieder solchen "Familien" an ? Bei genauerer Betrachtung liefert die "Kriegerin" durchaus Erklärungsansätze ..

Fazit: sehenswert 9/10



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 Betreff des Beitrags: Re: Kriegerin (2011)
BeitragVerfasst: 6. Aug 2013, 11:12 
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Registriert: 12.2012
Beiträge: 163
Geschlecht: nicht angegeben
Habe ihn vor ein paar Tagen, ich glaube auf ZDF Neo gesehen.

So ansich ein tolle deutsche Produktion. Allerdings fand ich Ihn etwas zu blauäugig, und zu sehr an den Haaren herbei gezogen. Trotzdem gute Schauspieler, und langweilig wurde mir auch nicht, von daher eine 8/10.

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