Unsere kleine Filmwelt

Die bunte Welt des unterschlagenen Films
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 Betreff des Beitrags: Lärm & Wut (1988)
BeitragVerfasst: 2. Sep 2013, 16:03 
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Lärm & Wut
(De bruit et de fureur)
mit Bruno Cremer, Francois Negret, Vincent Gasperitsch, Fabienne Babe, Maria Luisa Garcia, Fejria Deliba, Thierry Helene, Sandrine Arnault, Victoire Buff, Francoise Vatel, Albert Montias, Luzien Plazanet, Antonio Garcia, Antoine Fontaine, Luc Ponette
Regie: Jean-Claude Brisseau
Drehbuch: Jean-Claude Brisseau
Kamera: Romain Winding
Musik: Keine Information
FSK 16
Frankreich / 1988

Der 14-jährige Bruno kommt gerade in sein neues Zuhause: eine Wohnung im 15. Stock eines Betonmonsters, das im Pariser Vorort Seine-Saint-Denis in den kalten Himmel ragt. Seine Mutter, die rund um die Uhr arbeiten muss, sieht er nur in Form von kleinen Notizzetteln. Im zehnten Stock die Aufzüge sind kaputt begegnet er dem jungen Jean-Roger, der gerade die Fußmatte seines Nachbarn anzündet. Am nächsten Tag trifft er ihn wieder: sie gehen in dieselbe Klasse. Nachdem die beiden sich anfreunden, lernt Bruno Jean-Rogers Familie kennen: Aggression und Langeweile bestimmen dort den Alltag, während sich der Frust in brutalen Streichen seinen Weg bahnt.


Auf den ersten Blick erscheint "Lärm & Wut" lediglich ein weiterer Film zu sein, der sich dem Thema Jugendkriminalität widmet und dabei nicht unbedingt neue Aspekte aufwirft, die für ein besonderes Interesse beim Zuschauer sorgen könnten. Doch ziemlich schnell muss man feststellen, das dieser aussergewöhnlich gute Film sich doch ziemlich erheblich von den meisten anderen Vertretern abhebt, die eine ähnlich gelagerte Richtung einschlagen. Nicht umsonst löste das Werk von Jean-Claude Brisseau seinerzeit einen kleinen Skandal aus, indem es vollkommen ungeschönt und kompromisslos die Jugendgewalt in Frankreich darstellte. Bedenkt man das der Film mittlerweile über zwanzig Jahre auf dem Buckel hat, dann ist es umso erschreckender, welch hartes Szenario sich einem doch bietet, das in der heutigen Zeit sicherlich fast täglich an verschiedensten Orten auf der Welt passiert. Die hier in den Vordergrund tretende Härte äussert sich dabei nicht zwangsläufig durch explizite Gewaltdarstellungen, sondern vielmehr durch die Situation an sich und die von ihr ausgehende Selbstverständlichkeit, die den Zuschauer phasenweise wirklich schockiert und sprachlos macht.

Im Focus der Geschichte steht der junge Bruno, der nach dem Tod seiner Großmutter zu seiner Mutter zieht, die er allerdings nie zu Gesicht bekommt, da sie den ganzen Tag über arbeiten muss und ihm lediglich Zettel hinterlässt, auf denen immer wieder steht was er zu tun hat. Gleich zu Beginn bekommt man dabei einen sehr tiefen Einblick über die starke Sensibilität des Jungen, der durch die vorhandene Einsamkeit immer wieder Besuch einer weiblichen Fantasiegestalt erhält, die sich ihm phasenweise auch splitternackt darstellt im Endeffekt aber nichts anderes als seinen Wunsch nach Aufmerksamkeit und Zuneigung ausdrückt, der von seiner nie anwesenden Mutter nicht gestillt werden kann. Durch dieses offensichtliche Defizit ist Bruno dann auch sehr empfänglich für jede Form der Anerkennung, die ihm von dem kriminellen Nachbarn Jean-Roger entgegengebracht wird, der gleichzeitig auch sein Klassenkamerad in der Schule ist. Durch diese Bekanntschaft gerät Bruno dann auch in einen Teufelskreis der Jugendgewalt, die allerdings zu keiner Zeit durch ihn selbst ausgeübt wird, vielmehr stellt er den stillen Beobachter dar, der diese Gewalt mit einer erschreckenden Selbstverständlichkeit hinnimmt, als wenn es die normalste Sache auf der Welt wäre. Was dem Zuschauer dann hier geboten wird, erscheint phasenweise so grotesk und skurril, das man in gewissen Passagen einfach nicht anders kann, als in Gelächter auszubrechen. Dabei bieten die Ereignisse im Prinzip keinerlei Grund dazu, geht von ihnen doch eigentlich ein immenses Maß an Härte aus, das einen mit der Wucht eines Keulenschlages in die Eingeweide trifft und zunehmend sprachloser macht.

Dafür zeichnen in erster Linie die Verhältnisse in Jean-Rogers Familie verantwortlich, denn diese lediglich als Asozial zu bezeichnen, wäre wohl die größte Untertreibung aller Zeiten. Beherrscht von einem gnadenlosen Vater werden die Kinder dazu animiert nichts zu tun und sich das Leben so zu gestalten, wie es ihnen gerade gefällt. Den Lebensunterhalt verdient man sich dabei mit Diebstählen und anderen kriminellen Aktivitäten und ein Begriff wie Respekt gilt hier vielmehr als Fremdwort. Was sich in den vier Wänden dieser Familie abspielt, kann man kaum in Worte fassen, sind die Geschenisse doch teilweise so absurd, das es einem die Sprache verschlägt. Das Erschreckende daran ist insbesondere die absolute Selbstverständlichkeit, mit der beispielsweise Schießübungen mit scharfer Munition durchgeführt werden, bis man letztendlich ein so großes Loch in die Wand geschoßen hat, das man in die Nachbarswohnung schauen kann. Auch wenn solche Szenen im ersten Moment eher belustugend erscheinen, drücken sie doch umso mehr die vorherrschende Langeweile und Tristesse des Alltags aus, der hier anscheinend vorherrscht. Tristesse ist dabei genau das richtige Sprichwort, hält diese doch sofort zu Beginn Einzug in diesen aussergewöhnlichen Film, wenn sich dem Zuschauer die riesige und absolut trostlose Betonlandschaft offenbart, die in einer Vorstadt der französischen Hauptstadt Paris angesiedelt ist. Von der ersten Minute an legt sich ein extrem beklemmendes Gefühl über einen selbst, drückt der äusserst hässliche Wohnkomplex doch die totale Hoffnungslosigkeit aus, so das man erst gar keinen Gedanken an eine bessere Zukunft verschwindet. Es entsteht der Eindruck, das jeder der hier wohnt einsam und verlassen ist und sich zudem mit diesem Schicksal abgefunden hat. Und genau das ist die größte Stärke dieses Werkes, denn Jean-Claude Brisseau hat es nahezu brillant verstanden, dem Zuschauer das Gefühl der absoluten Tristesse und Hoffnungslosigkeit zu vermitteln, wodurch die Geschichte erschreckend authentisch und realistisch erscheint.

Verstärkt wird dieser Eindruck durch die wirklich herausragenden Darsteller, wobei insbesondere die Leistungen der jugendlichen Schauspieler ganz besonders hervorgehoben werden müssen, denn ihren fantastischen leistungen ist es in erster Linie zu verdanken, das dieser Film seine ganze Wirkung entfalten kann, die sich wie ein bleierner Mantel über die Schultern des Betrachters legt und diesen dabei förmlich erdrückt. Die ganze Zeit über vermag man nicht, sich dieses Mantels zu entledigen, zu sehr ist man der grausamen Faszination dieser Geschichte erlegen, die einen sehr nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Fassungslos muss man die Brutalität und Eiseskälte der Jugendlichen miterleben, denen das Leben eines Menschen anscheinend überhaupt nichts wert ist, was man vor allen in den letzten Minuten des Filmes erkennen muss. War die Geschichte bis dahin schon extrem heftig, so wird man noch einmal in eine Dimension geführt, die härter und brutaler nicht hätte ausfallen können. Dabei wird dem ganzen noch eine ordentliche Portion Tragik zugeführt, die einen äusserst schalen Beigeschmack hinterlässt, aber gleichzeitig genau der richtige Abschluss für einen Film ist, den man nicht so schnell vergisst. Insgesamt gesehen hat Jean-Claude Brisseau mit "Lärm & Wut" einen Film geschaffen, der sich ganz erheblich von anderen Vertretern mit ähnlicher Thematik abhebt, denn selten hat man eine solch realistisch erscheinende Story gesehen, die nicht nur rein optisch eine Eiseskälte verströmt. Knallhart und absolut kompromisslos wird hier eine Lebenssituation nachgezeichnet, die nachdenklich stimmt und ihre Spuren hinterlässt. Insbesondere durch das herausragende Schauspiel seiner Darsteller vermittelt der Film einen Eindruck, den man lieber in das Reich der Fantasie abtun würde, der aber leider die grausame und schockierende Realität nachzeichnet, von der man in der heutigen Zeit oft selbst betroffen ist.


Fazit:


Mit "Lärm & Wut" hat das Independent Label Bildstörung einmal mehr einen ganz großen Wurf gelandet, denn diesen Film kann man ohne Übertreibung als schockierendes aber gleichzeitig sehr realistisches Meisterwerk bezeichnen. Die perfekte Inszenierung von Tristesse und Hoffnungslosigkeit gepaart mit den fantasievollen Sehnsüchten eines einsamen kleinen Jungen ergeben hier einen Gesamteindruck, der kaum besser hätte ausfallen können. Faszinierend und schockierend zugleich präsentiert sich dem Zuschauer eine Geschichte, die an Realismus und Kälte kaum zu überbieten ist und deren große Stärke die herausragenden Schauspieler sind, die dieses Werk zu einem schockierenden Meisterwerk machen. Wer ein wirklich brillantes Jugend-Drama zu schätzen weiss, der kommt keinesfalls an diesem Film vorbei, der auch nachhaltig im Gedächtnis haften bleibt.


Die DVD:

Vertrieb: Bildstörung
Sprache / Ton: Deutsch / Französisch DD 2.0 Mono
Untertitel: Deutsch
Bild: 1:1,33 (4:3 Vollbild)
Laufzeit: 90 Minuten
Extras: - DIE FRENBEDIENUNG IN DER HAND – Jean-Claude Brisseau kommentiert die Schlüsselszenen seines Films (ca. 20 Min.)
- BRISSEAU CINÉASTE – Making-of-Dokumentation von Luc Ponette (ca. 45 Min.)
- DER FALL UND DER FLUG – Interview mit Regisseur Jean-Claude Brisseau (ca. 20 Min.)
- ca. 20-seitiges Booklet


9/10

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 Betreff des Beitrags: Re: Lärm & Wut (1988)
BeitragVerfasst: 2. Sep 2013, 18:36 
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Ich muss gestehen, dass mich "Lärm & Wut" etwas enttäuscht hat. Irgendwie konnten mich die gezeigten Ereignisse nicht in ihren Bann ziehen. Das mag vielleicht daran liegen, dass ich erst kurz zuvor eine andere Veröffentlichung von Bildstörung gesehen hatte - "Leben & Tod einer Pornobande" - vor dem man sich gar nicht verschließen konnte und die einen emotional geradezu überfordert hat. "Lärm & Wut" hingegen lässt einen ausschließlich Zuschauer sein, der keinerlei Bindung zu den Charakteren eingehen kann. Vor Allem der Darsteller von Bruno wirkt zuweilen wie auf Beruhigungsmitteln, unnahbar.

Die Handlung wirkt zuweilen grotesk und übertrieben, wie z.B. die schon beschriebene Szene mit den Schießübungen in der Wohnung.

Einziger Lichtblick des Films waren Brunos Tagträume, die sehr ästhetisch und fast schon mystisch einher kommen. Schade, dass die Einbindung dieser Elemente in den Film irgendwie nicht so ganz gelungen ist.

Ich hätte mir gewünscht, dass die Beweggründe der Kids etwas deutlicher dargestellt werden und man letztendlich (nicht nur mit dem Kopf) nachvollziehen kann, warum sie auf die schiefe Bahn geraten. Statt dessen wird man zum Zuschauer verbannt, der nur ein oberflächliches Bild ohne Emotionen geboten bekommt. Die dargestellte Tristesse verkommt schnell zu Langeweile für die Person vor dem Bildschirm.

Von mir gibts 6 von 10 Punkten

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