Unsere kleine Filmwelt

Die bunte Welt des unterschlagenen Films
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 Betreff des Beitrags: Tausendschönchen (1966)
BeitragVerfasst: 12. Dez 2012, 10:51 
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Tausendschönchen - Kein Märchen
(Sedmikrasky)
mit Ivana Karbanova, Jitka Cerhova, Marie Ceskova, Jirina Myskova, Marcela Brezinova, Julius Albert, Oldrich Hora, Jan Klusak, Josef Konicek, Jaromir Vornacka, Vaclav Chochola
Regie: Vera Chytilova
Drehbuch: Vera Chytilova
Kamera: Jaroslav Kucera
Musik: Jiri Slitr / Jiri Sust
FSK 16
Tschechoslowakei / 1966

Am Anfang waren zwei Mädchen: Marie 1 und Marie 2 hocken in einem Schwimmbad. Wenn sie ihre Arme und Beine bewegen, quietscht es als öffne der Prinz die seit 100 Jahren verschlossene Tür zum Zimmer Dornröschens. Beide sind sich einig: Die Welt ist verdorben. Also beschließen sie, ab jetzt eben auch verdorben zu sein. Gesagt, getan und wie es sich für zwei verdorbene und quietschende Mädchen gehört, ohrfeigen sie sich aus dem Schwimmbad erstmal direkt ins Paradies. Von da an tun sie, was ihnen gefällt: Es wird geschlemmt und sich daneben benommen bis am Ende nicht mal mehr der Film selbst vor ihnen sicher ist.


Zum wiederholten Male ist es ein Film aus der ehemaligen Tschechoslowakei, der in das Programm des Labels Bildstörung aufgenommen wurde. Im Prinzip ist das ein untrügliches Zeichen dafür das es sich um ein sehr außergewöhnliches Werk handeln muss, doch "Tausendschönchen" setzt dem Ganzen noch einmal die absolute Krone auf. Dabei sollte man sich von der ersten Minute an darauf einstellen das hier nicht eine ansonsten übliche Erzählstruktur vorliegt, denn die Geschichte lässt eigentlich zu keiner Zeit einen roten Leitfaden erkennen, der sich durch die Ereignisse zieht. Vielmehr offenbart sich ein recht wilder Mix aus aneinandergereihten Szenen, die phasenweise sogar einen ziemlich wirren Eindruck hinterlassen. Doch gerade darin liegt der ganz besondere Reiz dieses Filmes der die anarchistischen Handlungen seiner beiden Hauptdarstellerinnen eben durch diesen Drehstil besonders gut in den Vordergrund rückt. Was sich durch die Inhaltsangabe eventuell als Drama ankündigt, entpuppt sich schon nach wenigen Minuten viel eher als bissige Satire, die mit einem enorm hohen Anteil Gesellschaftskrutik angereichert wurde. Schon der Vorspann des Filmes hat es in sich und präsentiert dem Zuschauer Bilder der Zerstörung, denn etliche Bombeneinschläge und generelle Zerstörung durch Waffengewalt hinterlassen einen bleibenden Eindruck.

Und so geht es dann auch fröhlich weiter, denn die beiden Hauptfiguren Marie 1 und Marie 2 lassen es sich während ihres anarchistischen Treibens auch nicht nehmen, ihre Umwelt auf eine andere Art und Weise zu zerstören. Dies geschieht jedoch mit einer ordentlichen Portion Humor, der zumeist äußerst bissig daher kommt, an etlichen Stellen aber auch geradezu Slapstick-artige parat hält, die den Betrachter an die gute alte Stummfilm-Zeit erinnern. Untermalt wird das alles von einem immer absolut passenden Score, der nahezu perfekt auf die jeweiligen Szenen abgestimmt ist. Durch die im Prinzip vollkommen fehlende Struktur in der Erzählweise entsteht größtenteils der Eindruck, das man es mit wild aneinandergereihten Video-Clips zu tun hat, die eine extrem berauschende Wirkung ausstrahlen. Dabei wird man fast ganzzeitig in einen sogartigen Strudel hineingerissen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Ob man es nun will oder nicht, man kann sich der Faszination des Geschehens auf keinen Fall entziehen, was ganz sicher auch an der erstklassigen Kamera-Arbeit und dem genialen Farbenspiel liegt, das einen förmlich in eine Art magischen Bann zieht.

Die teils wilden Kamera-Fahrten und ganz besonders das ständig wechselnde Farbenspiel hinterlassen ein Gefühl, als wenn man sich selbst auf einem äußerst wilden Drogen-Trip befinden würde. Es ist einfach grandios mitanzusehen, wie innerhalb einer Szene zwischen schwarz-weiß und kräftigen Farbeinstellungen hin-und hergewechselt wird, so das es manchmal schon fast in den Augen schmerzen kann. Es ist schon ein wahres Feuerwerk an visuellen Tricks das hier auf einen einwirkt und die wilde Aneinanderreihung der einzelnen Szenen tut ihr Übriges, um beim Betrachter eine sehr nachhaltige Wirkung zu hinterlassen. "Tausendschönchen" ist sicherlich ein Film, der nicht unbedingt die breite masse anspricht, der Drehstil des Geschehens dürfte dabei bei vielen Leuten eher auf Ablehnung stoßen. Für die Freunde außergewöhnlicher Filmkunst dürfte sich jedoch eine Geschichte offenbaren, die absolut frech, bissig und insbesondere anarchistisch daherkommt. Gerade der letzte Punkt trieft schon fast aus jeder einzelnen Einstellung und wird durch das großartige Schauspiel der beiden Hauptdarstellerinnen noch einmal gesondert in den Focus gerückt.

Letztendlich handelt es sich einmal mehr um eine Veröffentlichung von Bildstörung, die wohl hauptsächlich einer eher kleinen Zielgruppe zugänglich ist. Das breite Mainstream-Publikum wird wohl kaum etwas mit diesem experimentellem Film anfangen können, der die Verdorbenheit der Welt auf eine teils ineinander verschachtelte Art zum Ausdruck bringt, die man manchmal erst auf den zweiten Blick erkennt. Unter den bisher bei Bildstörung erschienenen Film-Perlen nimmt "Tausendschönchen" noch einmal einen ganz besonderen Stellenwert ein, ist die Geschichte doch extrem gerade für die damalige Zeit extrem provokant und bringt dies auch in jeder Szene äußerst gut zum Ausdruck. Es handelt sich um ein filmisches Kleinod, das unverständlicherweise schon fast in Vergessenheit geraten ist, aber nun in einer würdigen Veröffentlichung endlich auch in Deutschland erhältlich ist. Über die Qualität braucht man keine großen Worte verlieren, denn einmal mehr handelt es sich um ein DVD-Release das keine Wünsche offen lässt und auch wieder mit etlichen Extras ausgestattet ist, so wie man es von dem Independent-Label gewöhnt ist.


Fazit:


Wenn man auf den außergewöhnlichen Film fixiert ist, dann dürfte Bildstörung wirklich die erste Adresse in Deutschland sein. Es ist immer wieder erstaunlich, welche wahren Film-Perlen ans Tageslicht kommen und in einer qualitativ hochwertigen Veröffentlichung erscheinen. Vorliegendes Werk macht da keine Ausnahme, denn dieses filmische Kleinod reiht sich nahtlos in die Reihe der erstklassigen Drop Outs ein und bietet einen Film-Genuss der ganz besonderen Art.


Die DVD:

Vertrieb: Bildstörung
Sprache / Ton: Deutsch / Tschechisch DD 2.0 Mono
Untertitel: Deutsch
Bild: 1,33:1 (anamorph 16:9)
Laufzeit. 73 Minuten
Extras: Streng limitiert: Mit exklusiver Soundtrack-CD, Audiokommentar von Daniel Bird und Peter Hames, Dokumentation über die Enststehung des Films (ca. 30 Min.), Booklet

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 Betreff des Beitrags: Re: Tausendschönchen
BeitragVerfasst: 12. Dez 2012, 10:56 
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Ich glaube, ich sollte mir noch die eine oder andere Bildstörung-DVD zulegen. "Tausendschönchen" passt definitiv in mein Beuteschema. Danke für den Tipp ;)

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 Betreff des Beitrags: Re: Tausendschönchen
BeitragVerfasst: 12. Dez 2012, 11:02 
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Angel hat geschrieben:
Ich glaube, ich sollte mir noch die eine oder andere Bildstörung-DVD zulegen. "Tausendschönchen" passt definitiv in mein Beuteschema. Danke für den Tipp ;)



Gern geschehen, ist ein herausragender Film.

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 Betreff des Beitrags: Re: Tausendschönchen (1966)
BeitragVerfasst: 2. Aug 2013, 12:15 
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„Die Welt ist verdorben, lass uns auch verdorben sein“, mit diesen Worten beginnt wohl einer der verrücktesten Trips, aus der tschechischen „New Wave“. Bildstörung bringt uns nun dieses Stück Film, sowohl auf DVD, als auch auf Bluray. Was kann man erwarten, von einem Film der in Tschechien verboten war?

Marie 1 und Marie 2 beschließen eines Tages, als sie mal wieder in der Sonne baden, dass sie der Welt einen Spiegel vorhalten wollen. Die Welt ist verdorben und genau das wollen die beiden jungen Mädchen auch sein, verdorben. Von nun an halten sich die beiden an keine Regeln mehr und tun nur wonach ihnen ist. Ohne Arbeit oder gar Anmeldung, in dem Land, in dem sie leben, ziehen sie alte Männer über den Tisch und denken sich Geschichten aus, die wohl nur von wirklich anarchischen Verrückten kommen können.

Die Story von Tausendschönchen lässt sich recht schwer zusammenfassen, immerhin folgt der Film nicht der normalen Erzählstruktur, von klassischen Filmen. Viel mehr bekommt man hier eine Ansammlung von Szenen, in denen die beiden anarchischen Mädchen tun, was sie wollen. Nicht mehr und nicht weniger. Umgesetzt wird das Ganze sehr gut. Die Schauspielerinnen sind recht professionell und spielen ihre Rollen mit einem Enthusiasmus der seines gleichen sucht. Man ist stets gespannt, was die beiden noch so aushecken. Egal ob sie alten Herren, das Geld aus der Tasche ziehen oder eine Party sprengen, nichts ist ihnen heilig und genau hier liegt ja auch der Spaß, in einer Welt, die immer so tut als würde sie bestimmten Regeln folgen, diese dann aber wieder mit Füßen tritt.

Kameratechnisch bekommt man hier ein Feuerwerk geboten, dass wirklich nur aus der New Wave kommen kann. Egal ob verrücktes Farbspiel, welches sich mit jeder Bewegung oder sogar Satz ändert. Man kommt oftmals wie auf einem Trip vor, wenn der Film von Schwarz-Weiß zu Farbe zu einfarbiger Gestaltung wechselt, wie es für ihn passt und dies trifft die nichts ahnenden Zuschauer oft wie ein Hammer. Allgemein muss an dieser Stelle gesagt werden, dass dieser Film wohl nur für Arthausfans interessant sein dürfte, da sowohl die Erzählstruktur als auch die Umsetzung wohl reichlich daher kommen dürften. Musikalisch wird das Ganze sehr interessant und einzigartig umgesetzt. In Szenen in denen sowohl die Musik, als auch die Farbgebung und die Musik eine perfekte Symbiose darstellen, bekommt man Abläufe zu Gesicht, die man so wohl wirklich nirgends finden dürfte. Wenn dann am Ende die Widmung läuft, dann weiß man, dass dieser Film einem die Augen öffnet, über eine Welt, die sich selbst vorgaugelt anständig zu sein, dies aber immer wieder vergisst.

Zur VÖ von Bildstörung kann man mal wieder nur sagen, dass diese hervorragend geworden ist. Die Bluray, welche mir bei meinem Test zur Verfügung stand, hat eine hervorragende Bildqualität, mit der ich vor der Sichtung niemals gerechnet hatte. Zudem sind die deutschen Untertitel in Zusammenspiel mit dem tschechischen Original-Ton sehr gut geworden. Löblich erwähnend sollte man, dass man den Film auch mit einer deutschen Synchro schauen kann, über deren Qualität kann ich aber nichts sagen, da ich den Film im OT mit Uts geschaut habe. Das Booklet, welches ja zum Stammarsenal der Bildstörungs Vös gehört, wartet mit gleich zwei Texten über den Film und die Situtation zu Erscheinen der Films in Tschechien auf. Als Bonusmaterial erwartet einen hier ein sehr informatives Audiokommentar, eine seperate Audio-CD (nur in der limited Edition), welche die Tracks des Films enthält und auch ohne Filme sehr gut unterhalten kann, sowie eine Dokumentation.

Man kann also sagen, dass die VÖ von Bildstörung mal wieder sehr gut geworden ist und ich kann nur jedem Filmfan, der etwas mit Arthausfilmen anfangen kann, empfehlen sich dieses tschechisches Biest aus der New Wave mal genauer anzuschauen. Man wird es nicht bereuen!

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 Betreff des Beitrags: Re: Tausendschönchen (1966)
BeitragVerfasst: 28. Okt 2013, 21:39 
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Habe den Film nun mit Abstand 2x gesehen und immernoch nicht verstanden, worum es
eigentlich geht; nunja ... :D

Erzählerisch unkonventionell und visuell sicherlich auf hohen Niveau (besonders auch im Hinblick auf
die Enstehungszeit), von daher kann man Tausendschönchen einmal zur Sichtung empfehlen.

Skurril und ein wenig anstregend; mir sagt der Film einfach nichts, doch zu sehr Kunstbanause wie es scheint :D

Wertung: selbst ansehen und eigene Meinung bilden


P.S. nagut, dann versuche ich mal eine objektive Bewertung :D
-> 5/10 wegen gelungener optischer Eindrücke und Skurrilität und ja
habe die Inhaltsangabe gelesen, trotzdem sagt mir der Film nicht wirklich zu

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I don't think runnning will save you.


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 Betreff des Beitrags: Re: Tausendschönchen (1966)
BeitragVerfasst: 28. Okt 2013, 21:45 
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Wohnort: Drive-In Kino
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ein_irrlicht hat geschrieben:
Wertung: seht selbst


Hahaha ...... :rofl2:

Das nenne ich mal objektiv & lässt auch wieder viel Platzt für individuelle Spekulationen.
Wird mir der Film gefallen oder nicht? Seht selbst!

Würde die Wahl zum Beitrag des Monats nicht schon laufen, würde ich jetzt nur diesen einen Satz vorschlagen !

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"Are you gonna bark all day little doggie, or are you gonna bite?"


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 Betreff des Beitrags: Re: Tausendschönchen (1966)
BeitragVerfasst: 29. Okt 2013, 17:20 
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Beiträge: 163
Geschlecht: nicht angegeben
Also, für mich klingt der intressant, und ich denke ich werde Ihn mal schnell auf meine Amazon Wunschzettel werfen.

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