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 Betreff des Beitrags: Leben & Tod einer Pornobande (2009)
BeitragVerfasst: 21. Feb 2013, 20:37 
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Leben & Tod einer Pornobande
(Zivot i smrt porno bande)
mit Mihajlo Jovanovic, Ana Acimovic, Predrag Damnjanovic, Radivoj Knezevic, Srdjan Jovanovic, Ivan Djordjevic, Bojan Zogovic, Natasa Miljus, Aleksandar Gligoric, Mariana Arandjelovic, Srdjan Miletic, Spencer Gray
Regie: Mladen Djordjevic
Drehbuch: Mladen Djordjevic
Kamera: Nemanja Jovanov
Musik: Keine Information
FSK Keine Jugendfreigabe
Serbien / 2009

Eros und Thanatos... Als der junge Filmabsolvent Marko sich voller Ideale und Tatendrang daran macht, das serbische Kino zu revolutionieren, muss er bald feststellen, dass niemand auf ihn gewartet hat. Nach ein paar Werbeclips, die an seinen ausgefallenen Ideen scheitern, heißt es für ihn bald: Endstation Porno. Doch so leicht gibt er nicht auf. Angetrieben von der großen Vision bricht er mit einer bunten Truppe unangepasster Rebellen auf, um mit einem Live-Porno-Cabaret das ländliche Serbien ordentlich aufzumischen. Sex and Drugs and Rock 'N' Roll! Doch die Realität siegt. Nach ausbleibendem Erfolg und einigen unerfreulichen Begegnungen mit "rechtschaffenen Bürgern" scheint das Ende nah. Da taucht plötzlich ein Mann auf und macht Marko ein unerhörtes Angebot...


Wenn man einmal die Grundvorraussetzung der vorliegenden Geschichte betrachtet, das ein junger Filmabsolvent seine Ideale verwirklichen möchte, indem er das serbische Kino revolutionieren will, dann ist das Ergebnis der Bemühungen umso tragischer. Ziemlich schnell muss Marko nämlich feststellen, das Ideale und Tatendrang nicht ausreichen, um ein erfolgreicher Regisseur zu werden. Der aber dann folgende Abstieg eines jungen Mannes in die tiefsten Abgründe des Porno-Geschäftes ist noch nicht einmal das Schlimmste, was einem das vorliegende Szenario bietet, denn Marko und seine Freunde lassen sich von einem Angebot verlocken, das ihnen finanziell lukrativ erscheint, die aber gleichzeitig an die Grenzen ihrer belastbarkeit führt. Als bunt zusammengewürfelte Truppe gestartet, die über die Dörfer tingelt und den Leuten ein Porno-Cabaret anbietet, lässt man sich aus einer finanziellen Not heraus dazu hinreissen Snuff-Filme zu drehen, um die perversen Gelüste einiger reicher Menschen zu befriedigen. Immer tiefer gerät die Truppe dabei in einen sogartigen Strudel aus Sex-und Gewalt, in dem sich mit der Zeit eine Gewaltspirale entwickelt, die anscheinend nicht mehr zu stoppen ist.

Regisseur Mladen Djordjevic ist es ausgezeichnet gelungen, gerade das Abrutschen der einstigen Ideale herauszuarbeiten, denn von dem zu Beginn noch vorherrschenden Idealismus ist schon nach kurzer Zeit nichts mehr zu verspüren, vielmehr geht es um das nackte Überleben der Truppe, die manchmal noch nicht einmal genügend Geld für Lebensmittel besitzt. Zudem kommt auch das aufgeführte Programm nicht gerade gut bei der Landbevölkerung an, so das man sogar mit Waffengewalt aus einigen Dörfern vertrieben wird. So wird aus der anfänglichen Unbefangenheit der jungen Leute recht schnell der pure Pessimismus, der sich auch auf das Gemüt der Leute schlägt. Dennoch ist es äusserst erstaunlich das die gesamte Truppe auf Markos Vorschlag eingeht, das man sich mit Snuff-Filmen ein ordentliches Zubrot verdienen will, denn wirkliche Gewissensbisse sind bei den einzelnen Personen nicht festzustellen. Ein Grund dafür ist sicherlich, das nur Freiwillige getötet werden sollen, die sich für die Filme zur Verfügung stellen. das ganze Szenario wirkt schon recht makaber und hinterlässt vor allem einen sehr schalen Nachgeschmack beim Zuschauer, der streckenweise wirklich nicht glauben möchte, was er hier zu sehen bekommt. Das bezieht sich allerdings nicht nur auf die Passagen, in denen es um die erwähnten Snuff-Filme geht, denn das gesamte Werk von Mladen Djordjevic kommt äusserst kontrovers daher und wird so auch ganz sicher nicht jeden Geschmack treffen.

Wohl eher selten hat ein europäischer Film so viele Tabuthemen in sich vereint, wie es bei "Leben & Tod einer Pornobande" der Fall ist, bekommt man doch neben einigen Hardcore-Sequenzen auch Zoophillie, Snuff und explizite Gewaltdarstellungen geboten, so das schon fast zwangsweise eine unglaubliche Härte vom Geschehen ausgeht, die sich mit der Zeit immer weiter intensiviert und dem Zuschauer auch merklich unter die Haut geht. Nun mag manch einer denken, das es sich hier eher um ein billiges Exploitation-Filmchen handeln mag, doch meiner persönlichen Meinung nach liegt man mit einer solchen Einschätzung vollkommen falsch. Vielmehr lässt die Geschichte doch eine nicht unbedingt zu vermutende Tiefe erkennen, die mit zunehmender Laufzeit immer stärker in den Vordergrund rückt und sich insbesondere durch das Verhalten der Protagonisten bemerkbar macht. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist nämlich rein gar nichts mehr von der einst lebenslustigen-und experimentierfreudigen Gruppe zu spüren, die aufgebrochen war, um sich selbst zu verwirklichen, stattdessen merkt man ganz offensichtlich, das sich Frust und Reue in den Köpfen einnistet und manch einer sein leben nicht länger mit dem Töten von Menschen verbringen will. Und so nimmt das Schicksal dann auch seinen Lauf, denn der Plot lässt im letzten Filmdrittel eine tragische Note einfließen, die einem schon ordentlich auf den Magen schlagen kann. Ganz generell kann man diesen Film auch sehr gut in drei vollkommen unterschiedliche Drittel einteilen, denn während im ersten Abschnitt hauptsächlich unbeschwerte Stimmung und jede Menge pornographische Szenen auf den Zuschauer warten, kommt im Mittelteil ganz besonders der immense Härtegrad zum Vorschein, der schon mit einer ungeheuren Wucht auf den Betrachter einprasselt. Im letzten Drittel macht sich dann die tragische Note der Ereignisse sehr intensiv bemerkbar und endet in einem Finale, das nach all den Geschehnissen nicht anders hätte ausfallen können. Hier kommt dann auch die vorhandene Tragik-und Dramatik zu ihrem absoluten Höhepunkt der auf jeden Fall dafür Sorge trägt, das man auch lange nach dem Ende des Filmes noch nachhaltig unter dessen Wirkung steht, die man nicht so einfach aus den Knochen schütteln kann.

Auch wenn die vorliegende Thematik wohl nicht jeden ansprechen wird, sollte man sich diese serbische Produktion auf jeden Fall einmal zu Gemüte führen, bietet sie doch neben einer sehr interessanten und kontroversen Geschichte vor allen Dingen einen tiefen Einblick in die Abgründe der menschlichen Seele und zeigt auf beeindruckende Art und Weise, wie schnell Ideale weichen können und der pure Überlebenskampf Einzug in das Leben von Menschen halten kann. Durch den hohen Härteanteil entsteht hier ein äusserst authentischer Eindruck der Geschehnisse, der zudem durch das absolut überzeugende Schauspiel der darsteller noch zusätzlich unterstrichen wird. Grausamkeit und Faszination liegen sehr dicht beieinander, so das man sich eigentlich ganzzeitig in einem wahren Wechselbad der Gefühle befindet. Selbst wenn einem manche Momente extrem grausam erscheinen, so kann man doch keinesfalls die Augen abwenden, was ein untrügliches Zeichen für die vom Geschehen ausgehende Faszination ist, die einen die gesamte Laufzeit über in ihren Klauen gefangenhält. Vielleicht liegt dies auch einfach in der angeborenen Neugier eines jeden Menschen begründet, oder es ist der Unglaube über das, was man hier phasenweise zu sehen bekommt. Auf jeden Fall aber ist "Leben & tod einer Pornobande" ein Film, der sicherlich die Meinungen extrem spalten wird und zu etlichen Diskussionen unter den Film-Freunden führt, wobei sich für alle Seiten genügend Gründe finden werden, um dieses Werk entweder zu lieben oder zu hassen. Mich persönlich hat der Film begeistert, da ohne Schonung Tabu-Themen in ihrer ganzen Grausamkeit gezeigt werden und keinerlei Beschönigungen zu erkennen sind, die das Gesamtwerk unglaubwürdig erscheinen lassen würden.


Fazit:


Einmal mehr hat sich Bildstörung einen sehr aussergewöhnlichen Film für eine Veröffentlichung ausgesucht, der sich jenseits jeglichen Mainstreams ansiedelt und wohl einer eher kleinen Zielgruppe zugänglich sein wird. Ein Film über Ideale eines Menschen, der innerhalb kürzester Zeit vollkommen desillusioniert erscheint und daraufhin tragische Konsequenzen zieht. Erstklassige Darsteller bringen dem Zuschauer ein Szenario äusserst glaubwürdig näher, das an Härte und vorhandener Grausamkeit kaum intensiver hätte ausfallen können und einem so ein Filmerlebnis offenbart, über das man auch noch lange nach dem Ende nachdenkt, da es sich fast unauslöschlich in das Gehirn des Betrachters einbrennt.


Die DVD:

Vertrieb: Bildstörung
Sprache / Ton: Serbisch DD 5.1, DD 2.0 Stereo
Untertitel: Deutsch / Englisch
Bild: 1,85:1 (16:9 anamorph)
Laufzeit: 107 Minuten
Extras: Audiokommentar, Deleted Scenes, Making of, Kommentierte Bildergalerie (ca. 20 Min.), Interviews mit Regisseur Mladen Dordevic und Kameramann Nemanja Jovanov (ca 60 Min.), Die Gespenster des Krieges (Auszüge aus einem Dokumentarfilm), Umfangreiches Booklet mit Texten von Jochen Werner und US-Filmkritiker Steven Shaviro


9/10

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 Betreff des Beitrags: Re: Leben & Tod einer Pornobande
BeitragVerfasst: 24. Mär 2013, 15:56 
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Zutiefst verstörend und gleichzeitig auch berührend ist Leben & Tod einer Pornobande für mich ein Gegenentwurf zu ASF der ein Jahr später
erschien. Wüsste ich es nicht besser könnte mir keiner erzählen dass in beiden Filmen die Kamera Nemanja Jovanov geführt hat... Genau dieses
nicht verifizierbare Unwohlsein nach dem Sehen von ASF führe ich - auch - auf die sehr stylischen Bilder zurück. Hier ist der Blick ungeschönt und
zeigt die Realität wie sie ist: überwiegend dreckig, wenn auch manchmal wunderschön und lebensfreudig und lebensbejahend. Gerade gesehen werde
ich dieses Werk erst mal verdauen, nochmal sehen und geniessen, mit Ausnahme der Tötung der Ziege. Das war schon zu echt um Zweifel zuzulassen
und ist auch mein einziger Kritikpunkt, heutzutage hat es kein Film mehr nötig solche Szenen real zu drehen! Sehr glaubwürdig in allen Belangen vergebe
ich zwangsläufig 10/10

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 Betreff des Beitrags: Re: Leben & Tod einer Pornobande (2009)
BeitragVerfasst: 31. Aug 2013, 08:20 
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Wieder einmal ein Film, der jede Menge Emotionen ausgelöst hat, die so schwer in Worte zu fassen sind. Auch nach dem "eine Nacht darüber schlafen" geistern noch so viele Bilder und Gedanken durch meinen Kopf, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll...

Ein vom Krieg zerrüttetes Land ist nicht gerade der beste Ort, um als Nachwuchsregisseur die Filmwelt zu revolutionieren. Das muss auch Marko erkennen, der aufgrund von Geldmangel einen Einstieg in die Pornowelt findet. Doch einfach nur Pornos drehen reicht ihm nicht - Marko will provozieren. Und so trommelt er ein paar Leute zusammen, um mit einem Porno-Cabaret durchs Land zu ziehen. Der Erfolg bleibt aus, die Kasse bleibt leer und Widerstand macht sich in der Bevölkerung breit. Und dann kommt das verlockende Angebot, in kurzer Zeit viel Geld zu verdienen...

Jeder Mensch ist käuflich, diese Wahrheit wurde mir beim Sichten wieder einmal überdeutlich bewusst. Gerne würde ich sagen, dass ich mich in so einem Fall anders verhalten würde, dass ich als strahlendes Vorbild aus einer solchen Situation hervor gehen würde. Doch wäre ich wirklich so stark? Wie viel müsste man mir bieten, damit ich töte? Oder noch vertrackter: würde ich mich selbst töten lassen, wenn ich damit meine Familie retten könnte? Es sind diese Fragen, die den Film ausmachen, vor denen man sich nicht verschließen kann.

Doch das ist nicht das einzige Thema, das in "Leben und Tod einer Pornobande" behandelt wird. Die Nachwehen des Krieges lassen sich in Serbien eben nicht leugnen. Während es in Belgrad noch relativ einfach ist, die Auswirkungen des Krieges auszublenden, wird man in ländlichen Bereichen immer wieder damit konfrontiert. Zerstörung, Armut und psychische Erkrankungen lassen sich nicht überspielen und beeinflussen das Handeln der Protagonisten erheblich. Serbien als rechtsfreier Raum - es gibt niemanden, der die Grenzen der Moral festlegt und durchsetzt. Und natürlich verändert sich die Moral der Menschen, wenn das Überschreiten der Grenzen keine Konsequenzen hat. Das sieht man besonders eindrucksvoll an Marko, der zunächst nichts mit dem Töten von Menschen zu tun haben will, sich dann wegen dem Geld doch dazu hinreißen lässt, Freiwillige zu töten, schließlich Gefallen daran findet und zu guter Letzt sogar Menschen gegen ihren Willen umbringt.

Reue und die Auswirkungen von Greueltaten auf die menschliche Psyche werden ebenfalls thematisiert. Djordjevic zeigt die Auswirkungen des Krieges, die selbst dann noch im Land wüten, wenn die Nachrichtenkameras schon längst weg sind. Sehr realistisch, ein verstörender Ausblick.

Noch ein Wort zu den Schauspielern: sie machen einen fabelhaften Job, die Charaktere wirken zu keiner Zeit überzeichnet oder unrealistisch. Vor Allem Marko gibt dem Geschehen die notwendige Ernsthaftigkeit, ohne den erhobenen Zeigefinger heraus zu kehren.

Dass es "Leben und Tod einer Pornobande" nur mit serbischem Ton und deutschen UTs zu bekommen st, tut dem Filmerlebnis übrigens keinen Abbruch. Eher im Gegenteil, die Sprache passt sehr gut zum Geschehen und es würde etwas fehlen, wenn man die Story mit deutschem Ton zeigen würde.

Es gibt so viele weitere Aspekte, die den Film ausmachen, aber im Moment muss sich das Gesehene noch ein wenig setzen.
Auf alle Fälle gibts von mir schon mal 10/10

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 Betreff des Beitrags: Re: Leben & Tod einer Pornobande (2009)
BeitragVerfasst: 7. Jan 2014, 13:03 
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Kleiner Nachtrag:

Über 4 Monate ist es inzwischen her, dass ich den Film gesehen habe, und immernoch geistern mir gelegentlich Bilder hiervon durch den Kopf. Wenn das kein Beweis für eine tiefgreifende, berührende Story ist... Also einmal mehr ein "Daumen hoch" und eine uneingeschränkte Empfehlung meinerseits.

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