Unsere kleine Filmwelt

Die bunte Welt des unterschlagenen Films
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 Betreff des Beitrags: Menschenfeind (1998)
BeitragVerfasst: 8. Mär 2013, 21:53 
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Herstellungsland: F
Erscheinungsjahr: 1998
Darsteller: u. a. Philippe Nahon, Blandine Lenoir, Franckie Pain, Martine Audrain, Jean-François Rauger, Guillaume Nicloux, Olivier Doran, Aïssa Djabri, Serge Faurie, Paule Abecassis, Stéphanie Sec, Arlette Balkis
Regie: Gaspar Noé
FSK: KJ

Inhalt:


Moral. Was ist Moral? Gerechtigkeit. Drei Männer unterhalten sich. Jeder, der von Moral quatscht, hat seine Gerechtigkeit hinter sich.

Das ist die Geschichte eines armen Schluckers. Ab seinem 6. Lebensjahr war er allein. Mit 14 Jahren lernte er den Beruf des Schlachters. Irgendwo in der Provinz von Frankreich. Er kann erst dann leben. Seine Tochter heißt Cynthia. Der Vater wehrt sich gegen den Anblick der Tochter. Eine Auflistung seines Lebens. Eine Diashow. Er stellt die Zeiger nochmal auf "Null".

Eine schäbige Wohnung. Schuss! Seine Partnerin ist schwanger. Sie wollen einen Laden eröffnen. Sie übernimmt die Pacht. Doch dann entscheiden sie sich doch dagegen. Aber er braucht einen Job. Schuss!. Sie suchen einen Wurstverkäufer. Alles ist beschissen in seinem kleinen Leben. Schuss!. Der Filialleiter eines Supermarktes gibt ihm Arbeit, aber nach kurzer Arbeitszeit schmeißt er ihn wieder raus. Er kann nicht rechnen. Und bekommt Ärger von seiner Frau. Über einen Bekannten seiner Schwiegermutter erhält er ein Angebot in einem Altenheim in der Nachtschicht. Schuss! Er arbeitet tatsächlich, sogar für etwas länger. Der Geruch ist furchtbar, aber er arbeitet. Die Schlampen in der Sozialwohnung erträgt er nicht mehr. In der Nachtschicht ruft ihn eine Schwester zu Hilfe. Jemand ist erstickt. Schuss! Sie ist tot.

Der Tod öffnet keine Tür. Die Schwester ist fertig. Sie wirkt zerbrechlich. Er will sie nach Hause bringen. Sie erinnert ihn an seine Tochter. Ja, er ist allein. Man kommt allein auf die Welt, man lebt allein, man stirbt allein. Je älter man wird, desto mehr ist man allein. Immer, wenn ein Mädchen auf ihn steht, vermasselt er es. Es gibt nichts am Ende des Tunnels. Nur weil es ein Erbe zu erhalten gilt, tun Kinder so, als wären sie nett. Liebe, Freundschaft, alles Quatsch. Auch Vögeln ist kein gutes Geschäft, aber es ist ein Zeitvertreib. Er geht allein ins Pornokino. Er muss eine Ausrede für sein Leben finden. Er ist ein Schwanz, und damit er respektiert wird, muss er hart bleiben.

Pablo-Picasso-Komplex. Die Schwiegermutter näht. Schuss! ...und noch einer. Seine Frau denkt, dass er mit der kleinen aus dem Heim am Vögeln gewesen ist. Sie weiß von ihr. SCHWUL! Schuss! Für diese Beleidigung wird er handgreiflich gegen sie. Immer und immer wieder schlägt er ihr gegen den Bauch. Die Schwiegermutter will den Revolver holen. Aber er ist schneller und nimmt die Waffe aus dem Schrank. Sie will die Polizei holen. Ganz ruhig bleiben. Ihr Baby? Hackfleisch. Sie weint, er geht. Nimmt die Waffe mit. Schuss! Sie scheißt bestimmt den Fötus auf den Teppich. Düstere Gassen. Tot ist besser. Er darf nicht zurück. Lieber schlägt er sich allein durch, stellt sich an die Straße. Ein LKW hält, nimmt ihn mit. Schuss! Er steigt aus, und ist ihnen entkommen.

Ein schäbiges Motel, vielleicht eine Pension. Er zahlt für eine Nacht. Morgen muss erst gesehen werden, wie es weiter geht. Er erinnert sich an Sex. Mit seiner Tochter. Die Vergangenheit holt ihn immer ein. Sie hat sich vom Balkon gestürzt. Eine einsame Straße. Er ist lieber arm, aber anständig. Er will nur nicht obdachlos sein. Mal wieder in seiner alten Metzgerei vorbei schauen, sucht einen Job als Schlachter oder an der Fleischtheke. Eine Frau macht ihn an, reibt ihr Bein an seinem. Sie geht hoch, er hinterher. Ein schäbiges Zimmer. Schuss! Sie ist noch ein Mädchen. Mit Kuscheltier in den Händen. Es ist Energie. Sie reibt ihren Fuß an ihm. Schuss! Sie wollte nicht so wie er. Sie ist eine Schlampe. Als er auf die Straße tritt ist es hell. Er muss aufwachen.

Er besucht einen alten Bekannten, von dem er erhofft, Geld zu bekommen, aber dieser hat nichts für ihn. Er soll für seine Tochter kämpfen. Schuss! Ein paar Münzen, mehr bleiben ihm nicht. Nichtmal genug für ein einfaches Brötchen. Armes Frankreich. Arbeitslose. Viele Leute können ihm nicht weiter helfen. Kein Job. Er braucht Geld, und soll sich an den Schlachthof wenden. Er liegt auf dem Bett. Leben ist ein eigenständiger Akt, überleben ist ein Gesetz. Schuss! Er will seinen ehemaligen Lieferanten um Arbeit bitten. Der Pensionsleiter will auch Geld sehen. Schuss! Er geht es holen. Er hat einmal gesessen, weil er seine Tochter angefasst haben soll. Ein Justizirrtum. Das Vorstellungsgespräch wird abgebrochen. Schuss! Arsch. Im Gefängnis würde er die Welt kennen lernen. Schuss! Eine Mauer, eine Straße. Schuss! Er wird Gewalt kennen lernen. 6 Minuten. Er hat nur seine Knarre. Er wartet vor dem Schlachthof und will ihn erledigen. Schuss! Mehrmals. Nach 35 Jahren Arbeit bleibt ihm nichts. Er ist ein Stück Dreck mit einer Knarre. 12 Franc. Für die Flasche Wein. Er hat nicht genug. Will die Schwuchtel neben ihm seinen Schwanz lutschen? Ein Wichser. Der Wirt schmeißt ihn mit Hilfe seiner Schrotflinte raus, denn niemand beleidigt seinen Sohn. Er geht, holt seine Knarre. Es gibt keine Gerechtigkeit ohne Rache. Schuss! 3 Kugeln. Sohn, Wirt und Wichser. Scheiß Spanier! Alles Schwuchtel. Er macht Radau, aber die Kneipe bleibt ihm verschlossen. Die Alarmanlage geht los, aber niemand ist auf der Straße. Er geht zurück in die Pension.

Man ist im Dschungel. Sein Gesicht sieht er im Spiegel. Er setzt sich aufs Bett. Bis zum Ende gehen. Er hebt die Waffe. Bumm!. Niemand würde seine Abwesenheit bemerken. Die Waffe wird aufs Bett neben sich geworfen. Er ist Cynthias Vater und er ist für sie verantwortlich. Schuss! Er steht auf. Diese miese Sau vom Schlachthof. Er geht zu seiner Tochter. Den Eiffelturm will er ihr zeigen.

U-Bahn. Schuss! Sie ist starr, hat Angst. Schuss!

ACHTUNG! Sie haben 30 Sekunden um die Vorführung dieses Films abzubrechen!

Gefahr!

Hotel. Gegen Mittag. Sie hat Glück, dass sie einen Vater hat. Vielleicht haben sie ihr im Heim etwas gegeben. Sie ist schön. Die Pistole. Er darf keine Angst haben. Was geschehen muss, muss geschehen. Er fasst seiner Tochter unter den Rock. Sie haben Sex miteinander. Es ist seine Pflicht ihr jahrelanges Leid zu ersparen. Er schießt auf sie. Sie geht blutend zu Boden. Es klopft. Er hat es getan. Sie ringt nach Luft, und leidet. Das ist furchtbar! Er darf jetzt nur nicht kotzen. Überlegen. Er verpasst ihr einen Kopfschuss. Irrtümer kannst du nicht wieder gut machen. Er ist nur ein Stück Fleisch. Richtet die Waffe gegen sich. Drückt aber erst nicht ab. Aufs Bett sinken. Stellt sich seinen eigenen Tod vor. Das Gute muss siegen. Er wird Präsident. Ein Kopfschuss. Blut spritzt. Er ist ein guter Mensch. Er hätte nie geboren werden dürfen. Aber seine Tochter war kein Fehler. Er weiß jetzt, was passiert. Er nimmt sie in den Arm, lebend, setzt sich aufs Bett mit ihr und weint. MORAL. Und er fasst seine Tochter an. Zwischen den Beinen. Der Mensch hat eine Moral. Er steht auf dem Balkon. Seine Tochter hinter ihm. Er ist glücklich es hier zu ändern. Vielleicht erschießt er sich nie. Der Knast ist nicht das Ende. Er macht aus seiner Tochter eine Frau. Es ist ihr Geheimnis. Es gibt keine Freiheit. Er darf sie nicht lieben, und er liebt sie...

Wertung:

Ein Review für diesen Film zu erstellen war extrem schwierig, da der Film auch wieder mal so ganz anders daher kommt, als ein gewöhnlicher Film. Es ist fast ein Hörspielmonolog, der mit Bildern untermalt ist. Während des ganzen Films spricht die Hauptperson, von der wir noch nichteinmal den Namen kennen, aus dem Off zu uns. Und das in einer sehr rohen und brutalen Sprache, nie mit Aussagen hinter dem Berg haltend. Das ist das Besondere hier, und einen Monolog zusammen zu fassen, war nicht wirklich einfach.

Wie ist dieser Film aber jetzt? Mir persönlich gefällt er sehr gut, auch wenn es Strecken gibt, die manchen Leuten einfach zu langatmig und langweilig erscheinen, aber gerade das macht diesen Film auch aus: Man begreift nur dadurch, dass der Schlachter ein absolut trostloses Leben führt. Einsam. Allein. Ohne Job. Ohne Geld. Und dann ist er auch noch ein Arsch, weil er seine Tochter missbraucht. Alles zusammen bildet hier den Menschenfeind. Einen Misanthrop. Irgendwie hasst er alles, sogar sich selbst, und bei der Darstellung kann man das sogar verstehen. Er hasst sich teilweise auch dafür, was er seiner Tochter angetan hat. Das kommt im Film nicht so ganz deutlich zur Geltung, was jetzt genau dort passiert oder nicht passiert ist. Ist die einzige Kritik am Film, die ich habe.

Phillipe Nahon ist hier eine sehr gute Besetzung. Man sieht ihn auch in Irreversible (siehe andere Filmkritik hier in diesem Forum), als er nackt neben Marcus in einem trostlosen Raum sitzt, vielleicht sogar in einer Art Gefängnis. Das verbindet beide Filme, wobei "Menschenfeind" als erstes gedreht worden ist. Andere Schauspieler sind nur von sekundärer Bedeutung. Die Geräusche des Films sind ebenso spärlich. Neben einzelnen Gongschlägen und dem Schuss! gibt es nur zwei Musikstücke, die im Film zu hören sind. Davon ist eins die dem Bolero nicht unbedingt unähnliche absolut passende Titelmelodie. Fast schon militärisch. Das andere Stück wird in dem LKW gespielt. Sonst ist der Film musikfrei, was schon sehr ungewöhnlich ist.

Wie wertet man aber sowas? Mir hat der Film sehr gut gefallen. Und ja, er bekommt von mir auch die Höchstpunktzahl. Hier glaube ich sogar fast noch eher, dass es Menschen gibt, die damit gar nichts anfangen können. Denn es ist kein einfach aufzunehmender Film, der schon aufgrund der ellenlos lang erscheinenden Dialoge aus dem Off bestimmte Ansprüche an die auditive Wahrnehmung seines Betrachters erhebt, obwohl es ein Film ist. Und gerade deshalb gefällt er mir.

10/10

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Und Blaine, der Mono fuhr weiter Richtung Südosten unter dem Dämonenmond. "Warum taufte die Frau ihren Sohn Siebeneinhalb?" - "Weil sie seinen Namen aus einem Hut gezogen hat!"


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 Betreff des Beitrags: Re: Menschenfeind
BeitragVerfasst: 10. Mär 2013, 11:36 
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Beiträge: 715
Geschlecht: nicht angegeben
10/10 Schüssen für Deine sehr gründliche Zusammenfassung dieses sperrigen Monsters von Film verehrter Blaine!

Ansehen würde ich mir Menschenfeind aufgrund Deiner Beschreibung jetzt nicht mehr, zu trostlos - wobei 100%ig zutreffend geschildert.
Ich wüsste nicht wieso um alles in der Welt ich mir das antun sollte! Glücklicherweise habe ich die erste - und weitere - Sichtungen hinter mir und kann
zur Trostlosigkeit für mich eine fast chirurgische Präzision (den Verleich nimmst Du mir hoffentlich nicht übel) bei der Darstellung und Ausleuchtung dieser
gescheiterten Kreatur positiv anmerken, ebenso wie den fast durchgängigen Monolog der zur Aufmerksamkeit zwingt wie auch zur anschliessenden
Reflexion des Gesehenem (Gehörtem).

Selbstfeind wäre ein besserer, zutreffenderer Titel gewesen, da es erst einmal einer gehörige Portion an Selbstmissachtung und fehlender Selbstliebe
bedarf, man sich erst selbst zum Feind werden muss um das Feindbild auf die Gesellschaft um sich herum zu übertragen. Mir ist in über einem halben
Jahrhundert keine einzige reale Person begegnet die dermassen vor Selbsthass, Gefühlskälte und Verleugnen der eigenen Person und Gefühlswelt
strotzt. Selbstmitleid und krankhaft verdrehte Gefühle gegenüber der Tochter sind die einzigen menschlichen vor sich hinfaulenden Regungen, werden aber
konterkariert von unglaublicher, eiskalter Brutalität gegenüber seiner Partnerin und seines ungeborenen Kindes.

Menschenfeind ist ein geniales Werk mit einer fantastischen Leistung von Philippe Nahon, ein Film der teilweise über der Grenze dessen liegt was man sehen
möchte und ertragen kann, gleichzeitig zieht er von Anfang an in den Bann und fesselt bis zum Ende. Und darüberhinaus, man beschäftigt sich noch Tage
später damit, eben keine leichtverdauliche sondern schwere Filmkost die einen allerdings für die Mühen der Auseinandersetzung entschädigt! 10/10

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 Betreff des Beitrags: Re: Menschenfeind
BeitragVerfasst: 10. Mär 2013, 22:55 
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Beiträge: 1716
Geschlecht: männlich
Der Titel "Selbstfeind" wird dem Hauptcharakter aber nicht ganz gerecht, denn er ist ja nicht nur Feind gegen sich selbst. In erster Linie gehen seine Gedanken immer gegen andere. Sei es Personen, die gegen ihn sind, weil sie ihm keine Arbeit geben oder sei es, weil er fürchtet, dass sein Kind in eine ähnlich trostlose Welt geboren wird. Als "Selbstfein" hätte er kein Interesse daran, sich gegen seine Frau/Freundin/Lebensgefährtin zu wenden. Und wenn er ein reiner Selbstfeind wäre, dann hätte es ihm egal sein können, dass ihn jemand als "SCHWUL" bezeichnet hat. Es ist aber nicht nur das Ungeborene, gegen dass sich seine Wut richtet, sondern auch gegen seine eigene Tochter. Allein die Gedanken, die er über Missbrauch äußert oder überhaupt nur darüber nachdenkt, lassen erkennen, dass er nicht nur gegen sich selbst ein Fein ist.

Die Tatsache, dass er z. B. mit seiner KNARRE wieder in die Kneipe marschieren will, aus der kurz zuvor rausgeflogen war, weil er jemanden beleidigte, zeugt doch von mehr Hass gegen andere als auf sich selbst, denn dann wäre es ihm egal gewesen, Er wäre eher auf einem Selbstfindungs- und -vernichtungstrip gelandet als auf einem verbal-physischen Rachefeldzug gegen alles und jeden, der sich ihm in den Weg stellt.

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Und Blaine, der Mono fuhr weiter Richtung Südosten unter dem Dämonenmond. "Warum taufte die Frau ihren Sohn Siebeneinhalb?" - "Weil sie seinen Namen aus einem Hut gezogen hat!"


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