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 Betreff des Beitrags: Ein Herz und eine Seele (1973 - 1976)
BeitragVerfasst: 7. Dez 2013, 19:06 
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Originaltitel: Herz und eine Seele, Ein
Herstellungsland: Deutschland
Erscheinungsjahr: 1973
Regie: Jürgen Flimm/Joachim Preen
Genre: Komödie
Freigaben: FSK ab 6 Jahren

Länge: ca. 44-50 Minuten
Episoden: 25 in 2 Staffeln

Darsteller:
Heinz Schubert
Elisabeth Wiedemann
Helga Feddersen
Hildegard Krekel
Diether Krebs
Klaus Dahlen
Wolfgang Grönebaum
Olli Maier
Jochen Stern
Oskar Werner Engartner
Tana Schanzara
Eva Böttcher



Inhalt:
Nichts könnte irreführender sein als der Titel: im Haus der Tetzlaffs geht selten wirklich entspannt zu.

Deutschland, Anfang der 70er Jahre:
Die Famile Tetzlaff, bestehend aus Familienvorstand Alfred, seiner Frau Else sowie Tochter Rita Graf und deren Ehemann Michael, bewohnen gemeinsam ein Reihenhaus in Bochum.
Alfred Tetzlaff (Heinz Schubert), das Familienoberhaupt würde sich zu gern den Anschein von Intelligenz, Eloquenz und Weltoffenheit geben, aber in Wirklich bemüht er sich verzweifelt, durch diverse ständig ausgeteilte Ruppigkeiten einen Hinterhofnapoleon und seinen Stammtischparolen zu geben. Ständig besserwissend und auf die Zeiten und Menschen (speziell Politiker) meckernd, bleibt Alfred immer der typische Konservative, stichelnd, aber niemals richtig eintretend, an althergebrachten Werten festhaltend und vorgeblich liberal, obwohl Neuerungen, Ausländer und Sozialdemokraten offen hassend. Seine Frau Else (Elizabeth Wiedemann) dagegen ist die passende Projektionsfläche, eine typische Hausfrau, die ihre lichten Momente meist nur kurz zwischen den Kochtöpfen hat und schon gewohnheitsmäßig bei Alfreds Attacken geistig abschaltet, weswegen sie ihn ständig auf die Palme bringt.
Schwierig wird die Situation, da Tochter und Schwiegersohn noch mit unter demselben Dach wohnen: Rita (Hildegard Krekel) hat nämlich Michael (Dieter Krebs) geheiratet und der ist alles, was Alfred nicht mag: Sozialdemokrat, jung, locker und hat auch noch Widerworte. Wann immer also ein besonderes Ereignis bevorsteht, legt sich Alfred ins Zeug, um sich und seine Sicht der Welt hervorzutun...und muß scheitern...

Charaktere:

"Achtung: Spoiler könnten enthalten sein"

Alfred Tetzlaff (Ekel Alfred, * 10. April 1924 in Teplitz-Schönau)
Er stellt die Hauptfigur dar und ist ein reaktionärer Spießer. Sein chauvinistisches bis frauenverachtendes zynisches Auftreten, abfällige Äußerungen über die SPD-Regierung, seinen Schwiegersohn, Ausländer, Gastarbeiter, Juden und vieles mehr zielen dabei auf die zeitgenössischen kleinbürgerlichen Stammtischpolitiker. Er selbst wiederum ist des öfteren Ziel von Witzen aufgrund seiner geringen Körpergröße. Alfred arbeitet als kaufmännischer Angestellter in der Materialausgabe einer Firma namens „Blumenhagen & Söhne“. Er liest gerne die Bild-Zeitung und bezieht u. a. aus diesem Blatt auch sein angebliches Fachwissen um die Dinge in dieser Welt. Er ist Fan von Hertha BSC, da er in Groß-Berlin aufgewachsen ist und deswegen auch manchmal mit leichtem Berliner Dialekt spricht. Nach eigenen Angaben war Alfred früher als Angehöriger der Wehrmacht in Polen, Frankreich (Paris) und in Russland eingesetzt, zum Schluss im Range eines Obergefreiten. In der Folge „Schlusswort“ erfährt man, dass Alfred bei einer Versorgungskompanie in der Feldküche diente. In den letzten Kriegstagen an der Ostfront erlitt er eine Verbrühung durch übergeschwappte Graupensuppe, so dass er das Ende des Krieges im Lazarett erlebte. Er erzählt in der Folge „Selbstbedienung“ vom Requirieren von Gütern in Frankreich und im Osten. Ein wiederkehrendes Element in der Serie ist, dass Alfred durch passende Sprichwörter oder literarische Zitate glänzen will, die er aber allesamt falsch wiedergibt („Namen sind Schall und Qualm“, „Du oder ich, das ist hier die Frage“, „Wenn du in Paris bist, benimm dich wie ein Pariser“), sowie unüberlegtes Benutzen von Zahlen („Das haben die römischen Imperatoren schon vor tausend Jahren gemacht“,„Morgen ist ein Sonntag, wie es im Jahr Hunderte gibt“). Ferner versucht er z. B. in der Folge Silberne Hochzeit im französischen Nobelrestaurant Royale mit seinen Sprachkenntnissen zu glänzen.

Else Dorothea Tetzlaff (geborene Böteführ; in Elmshorn)
Sie ist das einfältige Hausmütterchen, das nichts von Politik, Sport oder Kultur versteht und Alfred damit regelmäßig auf die Palme bringt, worauf sie von ihm gelegentlich als „dusselige Kuh“ bezeichnet wird. Die ihrem Mann nicht zu widersprechen hat und egal was Alfreds von sich gibt: Er hat recht. Nur wenn ihr Göttergatte sie persönlich beleidigt, bietet sie ihm in erstaunlich selbstbewusst Paroli. Gerne bezieht sie sich dabei auf seine geringe Körpergrösse, so eine Art Running Gag der Serie. So verwechselt sie beispielsweise in der Folge „Rosenmontagszug“ den „französischen Bundeskanzler“ Pompidou mit dem angeblichen Mann von Madame de Pompadour oder in der Folge „Sylvesterpunsch“ den ehemaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger mit Henry Kissinger, wobei sie erstaunt ist, dass die Deutschen einen jüdischen Bundeskanzler hatten. Auch sie hat Schwierigkeiten mit Sprichwörtern und Redewendungen („immer das Sophoklesschwert überm Kopf“). Else stammt ursprünglich aus Elmshorn. Die von Helga Feddersen verkörperte Else der zweiten Staffel ist aber wesentlich selbstbewusster als die Else der ersten Staffel (Darstellerin: Elisabeth Wiedemann) und vermag es durchaus, Alfred Paroli zu bieten.

Rita Graf (geborene Tetzlaff)
Sie ist die Tochter des Hauses, arbeitet als Verkäuferin in der Kosmetikabteilung eines Kaufhauses, ist mit Michael verheiratet und wohnt mit ihm zusammen in ihrem alten Kinderzimmer. Sie muss regelmäßig die Launen ihres Vaters ertragen, da dieser seine Tochter für missraten hält, insbesondere im Gespräch mit anderen. In der allerletzten Folge, „Schlusswort“, erfährt man, dass sie schwanger ist.

Michael Graf, Alfreds Schwiegersohn
Er verkörpert den legeren, von den 68ern geprägten links stehenden Mittzwanziger und wird deshalb vom Familienoberhaupt regelmäßig als „Sozi“, „Komsomolze“, „langhaarige bolschewistische Hyäne“, „Kommunistenschwein“, „Kommunistischer Drecksack“, „anarchistischer Drecksack“, „rote Rotznase“ und ähnliches bezeichnet. Er stammt aus der DDR und konnte noch rechtzeitig in den Westen übersiedeln. Seine Eltern wohnen jedoch immer noch dort. In der Folge „Besuch aus der Ostzone“ kommen seine Eltern über ein verlängertes Wochenende zu Besuch, um auch zum ersten Mal ihre Schwiegertochter kennenzulernen. Von Beruf ist Michael Feinmechaniker. Er ist der einzige in der Familie der seinen Schwiegervater Paroli bietet, was oft in längeren Diskussionen endet doch Michael immer die Oberhand hat.


Kritik:
Diese Serie ist und bleibt Kult und auch noch nach über 40 Jahren noch spritzig, witzig, zynisch und hat auch heute noch immer noch nichts von seiner Klasse und Genialität verloren. Eine der besten und erfolgreichen Unterhaltungssendungen des deutschen Fernsehens die damals in Dritten Programmen lief.
In bester Theater-Tradition wurde jede Folge live vor Publikum gespielt und aufgezeichnet. Und das ist auch die Stärke der Produktion. Alle 4 Hauptdarsteller sind Vollblutschauspieler, die in jeder Szene ihr Können beweisen und manchmal sogar perfekt improvisieren. Vorallem Heinz Schubert der hier seine Paraderolle fand, sticht hier am meisten hervor, der die Rolle des Ekelafred richtig auslebt.
Diese Serie und vor allem der Hauptprotagonist in dieser Serie dürfte wohl jedem bekannt sein: Ekel Alfred. Die Serie ist nach wie vor immer noch sehenswert und jedem zu empfehlen, die auf eine Mischung aus Humor, Satire und Sitcom stehen.
Ein billiges Vergnügen wenn man bedenkt das jede der bislang elf Folgen à 45 Minuten kostete 60 000 Mark und damit einen Bruchteil vergleichbarer Lustbarkeiten. So einfach wie die Präsentation (meist im kleinbürgerlichen Mief von Tetzlaffs Reihenhaus) ist der Kern der Handlung: Der Generationenkonflikt liefert permanent Zündstoff. Die jungen Leute wählen links, tragen Jeans. greifen zur Pille. Die alten Tetzlaffs schlurfen in Pantoffeln zwischen Vertiko und Gummibaum und wettern dabei gegen den Sittenverfall. Alles, was Deutschland in den 70ern bewegte, wird hier kommentiert.
Die damalige sozialliberale Koalition in Bonn, Gastarbeiter, die politischen Situationen im Ausland, die sexuelle Revolution (Rita will in einem für Alfred zu knappen Kleid zum Karneval) usw. Und meistens sind es die haarsträubenden Ausführungen Alfreds, die die größten Lacher verursachen. Michaels Versuche, Alfred vom Unsinn seiner Ansichten zu überzeugen, führen immer ins Leere. Mehr noch: Alfred setzt immer noch einen drauf, um seine Stammtisch-Parolen zu verteidigen. Höhepunkt aller Folgen: Alfreds Erklärung, daß Walter Ulbricht westlicher Spion gewesen sei. Sogar vor der Benutzung von damals im Fernsehen noch verpönten Kraftausdrücken wie Arschloch oder Blödmann wird nicht halt gemacht.
Ein Herz und eine Seele wurde von Wolfgang Menge nach dem Vorbild der US-amerikanischen Fernsehserie All in the Family (1971–1979) entwickelt, die wiederum auf die britische Serie Till Death Us Do Part (1965–1975) zurückgeht. Deren Entwickler Johnny Speight wurde aus rechtlichen Gründen im Abspann von Ein Herz und eine Seele genannt. Menge passte das Format den deutschen Verhältnissen (SPD-Regierung, Nachwehen der Studentenrevolte) entsprechend an, übernahm aber die Namen der Figuren aus Till Death Us Do Part: Alfred heißt im Original Alf, Michael heißt Mike, Else und Rita haben in beiden Serien denselben Namen. Auch die anrufbare Telefonzelle stammt aus der Vorlage, jedoch gab es solche Zellen zur damaligen Zeit in Deutschland nicht. Erklärt wurde dies damit, dass der Bruder von Frau Burdenski Postmitarbeiter sei und die Telefonzelle für die Nachbarschaft so eingestellt hat.
Fernsehgeschichtlich bedeutsam war indes die Übernahme des Sitcom-Formats ins deutsche Programm. Auch war es die erste Fernsehserie, die sich mit dem politischen Geschehen der damaligen Zeit auseinandersetzte. Die Serie war kammerspielartig (oder volksbühnenartig) und arbeitete mit einem Minimum an handelnden Personen.
Die derbe Sprache und zotigen Gags sowie die ideologische Polarisierung der Protagonisten mit Anspielungen auf die aktuelle politische Situation waren für das Fernsehen einerseits noch ungewohnt, gelangten andererseits nach anfänglicher Kritik schnell zu großer Beliebtheit. Die Resonanz auf die Serie war unterschiedlich: Der Großteil der Zuschauer sah die Serie als Satire auf spießige Kleinbürger und den Charakter Alfred als Anhäufung negativer Eigenschaften an, was auch der Intention entsprach. Einige verkannten jedoch auch die Ironie und fühlten sich durch Alfred Tetzlaff in ihrer reaktionären Sichtweise bestärkt und hielten fest, dass Alfred all das sage, was sonst niemand auszusprechen wage. Wolfgang Menge hoffte damals, dass die Leute Ähnlichkeiten zwischen der Berichterstattung der Bild-Zeitung und Alfreds Monologen bemerken würden.

Man kann Wolfgang Menge gar nicht genug für dieses Highlight der deutschen TV-Geschichte danken. Selbst heute noch bietet diese Satire-Serie Unterhaltung auf höchstem Niveau, etwas geschichtliches Grundwissen vorausgesetzt. Einer der besten Serien und die Urmutter aller deutscher Sitcoms die im deutschem Fernsehr lief, schade das heute sowas nicht mehr produziert wird.

10/10 Punkte!

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Erst nachdem wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit alles zu tun!


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein Herz und eine Seele (1973 - 1976)
BeitragVerfasst: 11. Dez 2013, 17:25 
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Tolle Kritik, und ich kann dir nur voll und ganz zustimmen. Ich habe die Serie als Kind schon immer gerne gesehen, ( auch wenn ich damals die Witze) von Ekel Alfred kaum verstanden habe.


Schöner Humor der auch nicht zusehr unter die Gürtellinie geht, und sich im Grunde sehr selbstironisch sieht.

Scchade nur das ie während der Serie die "dusselige Kuh " ausgetauscht haben.

Für mich ist eines klar, die Amis haben diese Serie gesehen ,und haben sich daraufhin das konzept, zu "eine schrecklich nette Familie" überlegt.

10/10 Punkte

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